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bericht viola
arzt: dr. tarfusser

 

 

Geschrieben von Viola am 15. November 2002

Bei mir war es wie bei allen anderen, die gleichen Ängste, die selben Befürchtungen, das gleiche Leid. Nur durch reinen Zufall bin ich auf die Seite von Carsten gestoßen und war vom ersten Moment an fasziniert. Plötzlich war da jemand, der mich verstand, Leute, die mich nicht für krank hielten, nicht für – im besten Fall- übersensibel, oder gar als Komplexhaufen betrachteten. Denn das war ich komischerweise nie.
Ich konnte mich austauschen, in der ersten Zeit nach dem Entdecken der Seiten wurde meine Ery weitaus schlimmer. Plötzlich beschäftigte ich mich „aktiv“ damit, war nicht mehr ständig dabei zu verdrängen, oder damit beschäftigt, „es“ zu vertuschen. Aber dennoch war es leichter für mich, weil ich wusste, dass ich nicht alleine da war mit diesem Problem. Es gab andere, die schlimmere Tage hatten, die mich aufbauten, wenn Ery mal wieder gnadenlos zugeschlagen hat.
Die ETS war zu Beginn keine Alternative für mich. Zum einen, weil ich Mutter von 2 Kindern bin, wir gerade Hause gebaut haben, ich nur halbtags arbeite, zu der Zeit gerade in einer Zusatzausbildung steckte, kurz und gut, weil wir das Geld dafür nicht übrig hatten. Zum anderen konnte ich mir nicht vorstellen mich freiwillig unters Messer zu legen, noch dazu einige 100 Kilometer zu fahren, und was hätte ich meiner Mutter sagen sollen, sie hätte uns ja die Kinder abnehmen müssen. Viele Gründe dagegen fielen mit ein. Also verwarf ich diesen Gedanken gleich wieder und wollte es anders schaffen.
Die Zeit hat aber gezeigt, dass ich die Ery nicht besiegen konnte. Ich zog mich immer mehr zurück, nur um meine Ruhe zu haben und keine Angst haben zu müssen. Ich merkte meinen Rückzug und meine Traurigkeit, konnte aber nichts dagegen tun. Ich wurde nachdenklicher und fragte mich, ob die ETS nicht doch eine Alternative für mich wäre. Ich überlegte lange, las mir die Berichte durch und informierte mich auf diversen ETS Seiten. Irgendwann sah ich es als letzte Chance irgendwann ein normales Leben führen zu können.
Mein Problem war, dass ich mit niemandem über mein Problem gesprochen habe, seit ich darunter litt, also seit fast 20 Jahren. Ich war Meisterin im kaschieren, sprang urplötzlich während eines Gespräches auf, um etwas wichtiges zu erledigen, war mehr als überpünktlich, damit ich mir in einem Lokal den Platz aussuchen konnte, an dem ich mich sicherer fühlte, und machte noch 100 andere Sachen, die sich im Laufe der Jahre als ein wenig hilfreich erwiesen haben. Um die ETS in Angriff nehmen zu können, musste ich zumindest meinen Freund einweihen, und das war ein schwerer Schritt für mich.
Zur Feier der Beendigung meiner zusätzlichen Ausbildung fuhren wir für 3 Tage nach Deutschland, ich wartete einen gemütlichen Abend ab (draußen, da war es finster und ich fühlte mich dadurch besser), und versuchte mein Leid zu schildern. Die Worte vielen mir schwer, und das Sprechen noch mehr, da ich mit den Tränen kämpfte. Mein Freund reagierte ganz toll, er war mehr als überrascht, kurz und gut, er stand hinter mir, und meinte das Geld muss ganz einfach da sein. Auch er erkundigte sich gleich als wir heimkamen über die OP, er war sehr skeptisch, und er hatte Angst. Gemeinsam sahen wir uns die OP im Internet an. Zusätzlich las er (was er mir erst später sagte) im Forum mit, um uns besser verstehen zu können. Somit war der erste Schritt getan.
Der 2. Schritt war das Telefonat mit Doc Tarfusser. Die OP sollte unbedingt in Meran stattfinden, da er der Spezialist für diese Operation ist. Im Forum habe ich einen Bericht über eine ETS gelesen, die in Wien gemacht wurde, der Erfolg blieb allerdings aus, und ich wollte nichts riskieren.
Ich hatte mächtig mit mir zu kämpfen, ich traute mich nicht mit ihm zu sprechen. Aber es musste sein, und das Gute daran war, dass er mich dabei nicht sehen konnte. Ich entschloss mich eines Tages von einer Sekunde zur nächsten es genau JETZT zu versuchen, und ging schnurstracks zum Telefon und redete mir gleichzeitig ein, dass er wahrscheinlich ohnehin gerade im OP steht und operiert, ich ihn also nicht erreichen werde. Doch plötzlich hob er ab….
Ich war anfangs sehr nervös, doch das Telefonat stellte sich als sehr hilfreich heraus, er fragte mich was ich bis jetzt dagegen gemacht habe, und ob ich Tabletten dagegen nehmen würde. Er wollte durch das Telefonat herausfinden, ob ich wirklich innerlich überzeugt war, mich operieren zu lassen, oder es nicht andere Alternativen gäbe. Ich sagte ihm, dass ich jetzt alles dagegen tun würde, ich würde auch täglich Tabletten schlucken, ich wolle nur normal leben. Wir telefonierten dann noch 2 mal, Tarfusser war mehr als geduldig, erklärte mir alles was ich wissen wollte. Er klang sehr kompetent, und ich hatte keine Sekunde lang das Gefühl bloßgestellt zu sein, er nahm mich für „voll“ und auch sehr ernst. Das war sehr beruhigend für mich.
Wir machten uns den Termin für den 8.1.2002 aus. Die Tage bis dort hin zählte ich, ich konnte es kaum erwarten.

Einquartiert haben wir uns dann im Kolpinghaus, und als mir der Rezeptionist ohne mein Nachfragen erklärte, wo die St. Anna Klinik ist, als ob es das normalste der Welt wäre, habe ich geglaubt im Erdboden versinken zu müssen, aber auch er war sehr nett und meinte, dass viele Gäste wegen der Klinik kommen würden.

Der Ablauf der OP war wie bei allen anderen, der Doc sehr nett, und wirklich kompetent, es gab keine Komplikationen, mal abgesehen von wirklich niedrigen Blutdruckwerten und einer Müdigkeit und Schlappheit am Tag der OP, die es mir schwer machte die Augen offen zu halten. Ich freute ich mich, endlich mal trockene Hände zu haben, und ich genieße es heute noch. Endlich anderen Menschen unbehelligt die Hand geben zu können, ohne vorher noch mal schnell die Hände waschen zu gehen, um dann die Ausrede gebrauchen zu können, dass man ja gerade Händewaschen war und sie deswegen noch feucht sind. Schon alleine das ist ein riesiger Erfolg, der mir das Leben leichter macht.

Ganz abgesehen von Ery. Sie scheint weg zu sein, obwohl ich es nach so vielen langen Jahren immer noch nicht glauben kann. Sehr skeptisch beobachte ich mich in den verschiedensten Situationen. Öfters merke ich Röte ins Gesicht steigen, aber ich kann nicht sagen, ob die anderen etwas sehen können. Was sich definitiv verändert hat ist, dass das Gefühl nur sehr kurz anhält und nach ca.10 Sekunden wieder weg ist. Ein paar Mal konnte ich in einen Spiegel sehen und habe keine Veränderung feststellen können, aber wenn Ery doch ab und zu zuschlagen sollte, dann nur sehr kurz. Und wenn es so bleibt, kann ich es absolut akzeptieren. Auch meine Einstellung hat sich verändert, ich bin ruhiger geworden, wesentlich selbstsicherer, sage gleich was ich denke, und wenn ich mich ärgere kommt es auch meistens gleich dazu, dass ich meiner Wut Ausdruck verleihe. Meine Pulswerte sind in der Norm, vorher war mein Normalpuls ab 100, wenn ich nervös war noch viel höher.

Das CS war im Hochsommer sehr stark, sehr unangenehm, vor allem am Bauch und Rücken und an den Beinen. An diesen Tagen fühlte ich mich unwohl, allerdings im Gegensatz zu früher kein Vergleich. Da nehme ich gerne ein paar unangenehme Tage in Kauf, wenn der Rest des Jahres gut geworden ist.

Wenn ich unterwegs bin schaue ich nicht mehr ängstlich durch die Reihen, ob ich jemanden kennen könnte, beim Einkauf vergesse ich schon oft zu schauen, welche Autos vor dem Geschäft stehen, um vorbereitet zu sein, plötzlich angesprochen zu werden. Mein Leben hat sich ins Positive verändert, ich bin absolut froh diesen Schritt getan zu haben.


Allerdings bleibt die Angst, dass Ery wieder kommen könnte. Aber ich versuche das Leben JETZT zu genießen.

Viola :-)