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bericht tom
arzt: dr. tarfusser

 

 

geschrieben von Tom am 09. April 2001

Hallo !

Seit Jahren bereitete mir das Erröten in tausenden von wichtigen und weniger Wichtigen Lebenssituationen extreme Schwierigkeiten. Schule und Studium, die ganzen Seminare und Referate gehörten nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, von den "privaten" Situationen mal ganz abgesehen. Nachdem ich inzwischen einen Job habe, der noch einiges mehr an Sozialkompetenz, Kontaktfreudigkeit und Sicherheit im Umgang mit Menschen voraussetzt, konnte ich diesen Zustand nicht mehr länger ertragen und habe mich zur Durchführung der ETS entschlossen.

Für mich kamen nach einigen Tagen Recherche auch wieder nur die "üblichen Verdächtigen" als Chirurgen in Frage: Tarfusser in Meran, Telaranta in Finnland und Claes in Göteborg. Aber wen davon nehmen ?

Telaranta: Führt den Eingriff - wie ich gelesen hatte - nur noch unter Verwendung von Klammern durch. Das kam für mich nur als zweitbeste Lösung in Frage, da ich mit diesem Scheiss-Nerv nix mehr zu tun haben wollte und nicht vorhatte, den Eingriff selbst bei Auftreten der bekannten Nebenwirkungen (komp. Schwitzen etc.) rückgängig zu machen. Ohnehin ist die OP selbst bei Klammern nur eine sehr begrenzte Zeit reversibel.

Claes: Hat die ETS vor einigen Jahren in Göteborg entwickelt und gehört mit seinem Team sicher zu den ganz alten Hasen. Nach einem Telefonat mit der - übrigens sehr netten - deutschen Ansprechpartnerin stand jedoch das Ausschlusskriterium fest: Der Eingriff kostet in Göteborg mit über 9.000 DM fast doppelt so viel wie bei Dr. Tarfusser in Meran, was sicher zum Teil mit dem Wechselkurs zusammenhängt, aber auch mit dem generell höheren Preisniveau in den skandinavischen Ländern.

Tarfusser: Habe Dr. Tarfusser - der übrigens jahrelang mit Dr. Claes in Göteborg operierte - schon beim ersten Telefonat als einen sehr freundlichen, sensiblen und kompetenten Menschen kennengelernt, der sich viel Zeit für die telefonische Beratung nimmt. Nach seiner Aussage hat er die Operationsmethode gegenüber den Göteborgern ein wenig verfeinert und benutzt etwas dünnere Endoskope um den Eingriff so schonend wie möglich durchzuführen. Dr. Tarfusser nimmt bereits am Telefon die sog. Ananamnese auf, die Krankheitsgeschichte, um nur die Patienten für die ETS auszuwählen, deren Leidensdruck als hoch zu bezeichnen ist. Er fragt oft nach, wägt ab und informiert über Risiken, bevor er einen Termin für die OP ausmacht. Ich habe mich schließlich für ihn als Operateur entschieden. Nicht zuletzt wegen des Preises von ca. 5.500 DM, der mir ohne Abstriche bei der Qualität und Kompetenz des Operateurs, sehr fair erschien. Nach meinem Rückruf konnten wir kurzfristig einen OP-Termin drei Wochen später vereinbaren. Zur Bestätigung bat Dr. Tarfusser um eine kurze Mail, die ich ihm schickte.

Über das internet hatte ich vorher ein Zimmer in einem kleinen Meraner Hotel gebucht, das nur wenige Gehminuten von der St. Anna Klinik liegt, in der Dr. Tarfusser operiert. Das Doppelzimmer kostete für zwei 150 DM /Nacht, was einigermassen billig ist für Meran. Für die Reise verzichtete ich auf das Auto und nahm den Zug, der mit irgendeinem Sonder-Tarif für zwei Personen hin/rück nur ca. 570 DM kostete und weit weniger Streß bedeutet als die lange Autofahrt.

Meran selbst ist eine wunderschöne kleine Stadt mit ca. 30.000 Einwohnern. Umgeben von Bergen und mit idyllischem Grün überall, vermittelt das Örtchen ein Gefühl der Ruhe und Friedlichkeit. Alles ist unglaublich gepflegt und man kann fantastisch Shoppen im Zentrum (vor allem Klamotten), wer da hinfährt sollte ruhig ein paar Tage länger einplanen, für einen Kurzurlaub. Lohnt sich. Ein grosser Vorteil ist, dass praktisch jeder dort zweisprachig ist, d.h., deutsch und italienisch spricht. Dr. Tarfusser natürlich auch.

Am Vormittag nach meiner Anreise fand ich mich dann um 11:30 in der Klinik ein. Das Rezeptionspersonal ist freundlich und professionell. Ein Stockwerk höher wird mir ein Zweier-Zimmer zugewiesen, ein netter Niederländer liegt bereits in einem der Betten und wartet auf seinen Eingriff. Einige Minuten später lerne ich Dr. Tarfusser dann persönlich kennen und der symphatische telefonische Eindruck bestätigt sich. Wir redeten noch ca. 45 Min. über den Eingriff, die möglichen Nebenwirkungen und die Chancen. Anhand einer kleinen Zeichnung erklärt er nochmal den Eingriff. Das Gehirn sendet über Nervenbahnen, die unterhalb jeder Rippe zu dem syphatischen Grenzstrang verlaufen, Signale, die verschiedene Ganglien durchlaufen und schließlich die Schweissabsonderung und das Erröten des Gesichts bewirken. Das oberste Ganglion heisst T(horakal)1 und darf bei der OP nicht beschädigt werden. Es steuert das Augenlied und eine Beschädigung führt zum gefürchteten Horner Syndrom, einem hängenden Augenlied. Wie Dr. Tarfusser versichert, kann eine Beschädigung von einem erfahrenen Operateur mit fast 100%iger Sicherheit ausgeschlossen werden, ein Restrisiko bleibt natürlich. In unserem Fall heisst der Übeltäter T2, das Ganglion, über welches die Errötungs- und Schweisssignale bei ca. 95% der Patienten zum Gesicht geleitet werden. Die OP besteht darin, die Verbindung zwischen den Ganglien T2 und T1 zu unterbrechen, ohne T1 zu beschädigen. Über einen kleinen Schnitt in der Achselhöhle (bzw. in beiden Achselhöhlen) wird ein Endoskop mit Kamera und eine Elektrode eingeführt. Die Unterbrechung führt Dr. Tarfusser mit sog. Schneidestrom geringer Intensität durch, der sog. Elektrokoagulation. Die Durchtrennung ist endgültig, die durchtrennten Nervenenden ziehen sich ein wenig zurück und wachsen nicht mehr zusammen. Bei einigen wenigen Patienten - wie man hier im Forum auch lesen kann - werden die Errötungssignale zusätzlich über eine Zuleitung zum Ganglion T1 ans Gesicht gesendet. Daher führt bei einigen die übliche OP nicht zu dem gewünschten Erfolg oder der Erfolg ist nicht von Dauer. Die OP mit der zusätzlichen Durchtrennung der T1-Leitung ist noch wenig erforscht, Dr. Tarfusser hat diese OP selbst erst 2 mal durchgeführt. Der Eingriff ist recht aufwendig (ca. 3 Std. OP) und riskant (Ganglion T1 darf ja trotzdem nicht beschädigt werden). Grundsätzlich kann vorher nicht festgestellt werden, ob die Standard-Methode funktioniert und ein zweiter Eingriff am T1-Nervenstrang kommt nur nach vorheriger Durchführung des Standard-Eingriffs in Frage.

Nach dem Gespräch mit Dr. Tarfusser ging ich wieder aufs Zimmer und wartete auf Dr. Friedrich, den Anästhesisten. Eine Schwester gab mir einen weissen OP-Kittel, ich musste mich vollständig ausziehen, den Kittel überwerfen, Thrombose-Strümpfe anziehen und mich ins Bett legen. Das ganze Outfit sieht dann ziemlich bekloppt aus, aber was soll's :-)

Wenig später kam dann Dr. Friedrich zum Abfragen von Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahmen usw., schließlich muss er einem die passende Dröhnung verpassen. Dr. Friedrich erinnert im Gegensatz zu Tarfusser eher an einen Bundeswehr-Offizier, ziemlich zackig aber ganz cool und nett.

Dr. Friedrich schiebt mich dann mit dem Bett zum Operationssaal, der sich auf der gleichen Etage einige Türen weiter befindet. In dem Vorraum muss ich aufstehen, in den eigentlichen Operationssaal laufen und mich auf den OP-Tisch legen. Der OP-Saal sieht irgendwie nicht ganz so High-Tech mässig aus wie in Chicago Hope aber auch nicht misstrauenserweckend.

Der OP-Tisch hat links und rechts zwei abgewinkelte Auflagen für die Arme. Wir scherzen ein wenig rum, während die OP-Schwester am Rücken die Elektroden für das EKG anbringt. Dr. Friedrich legt danach auf dem rechten Handrücken die Infusionsnadel für die Vollnarkose. Die Achselhöhlen hatte ich mir am Vortag schon vorausschauend rasiert, ansonsten würde auch das noch vor der OP von Tarfusser & Co. gemacht werden. Irgendwann sagt Dr. Friedrich dann: So, jetzt werden Sie gleich einschlafen, entspannen sie sich und denken Sie an was schönes. Ich hole tief Luft, spüre ein leichtes Kribbeln im Gesicht und bin im Reich der Träume. Beeindruckend, wie flott man ausgeknockt ist, 5 Sekunden bleiben einem nach der Ansage höchstens.

Ich wache auf, als jemand sagt: "Aufwachen, die OP ist vorbei, alles gut gelaufen". Ich bin noch im OP-Saal, werde wieder in den Vorraum gefahren und fühle mich im Halbschlaf noch wie von 'nem Laster überrollt. Hatte extrem lebhaft geträumt, komisch, dachte man träumt in Vollnarkose nicht. Muss mich mit Hilfestellung wieder in das bereit stehende Bett wälzen und werde ins Zimmer gefahren. Habe ziemlichen Durst und Halsschmerzen. Ansonsten spüre ich so gut wie nix von der OP, ein Gefühl wie leichter Muskelkater in der Brust beim tiefen Luftholen. Die Halsschmerzen kommen von der Reibung des Schlauchs, der einem in den Hals eingeführt wird, um die Lunge während des Eingriffs mit einem ungefährlichen Gas aufzupumpen. Sonst sieht der Operateur nix.
Der letzte Satz des OP-Berichts, den ich bei der Entlassung bekomme, lautet: Völlig komplikationsloser Eingriff.

Eine Infusion stabilisiert nach der OP den Kreislauf. Auch trotz Infusion bin ich allerdings ziemlich neben der Spur von der Narkose. Nach 1 Stunde bekommen wir Tee zu trinken. Nach weiteren zwei Stunden kann ich schon wieder aufstehen und auf's Klo gehen, obwohl immernoch alles ein bisschen wackelt. Gegen halbsechs gibt's üppiges Abendessen, ich beschränke mich auf die Pasta. Draussen scheint die Sonne, der Ausblick ist fantastisch und insgesamt fühle ich mich super. Und tatsächlich: Immernoch keine Schmerzen, ausser Halsschmerzen. Meine Hände sind sehr trocken und warm. Dr. Tarfusser und Dr. Friedrich kommen nacheinander vorbei und erkundigen sich nach dem wehrten Befinden. Alles super. Ich frage, ob ich eventuell schon am späten Abend zurück ins Hotel kann. Ich könnte, aus chirurgischer Sicht spricht nix dagegen, wenn ich mich gut fühle. Beide meinen allerdings, es wäre nicht verkehrt, bis zum nächsten Morgen zu warten. Ich entscheide mich dann doch, bis zum Morgen zu bleiben. Um 8 lassen wir uns ein Schlafmittel geben und schlafen bis morgens halbsieben durch. Nachträglich bin ich froh geblieben zu sein, mein Zustand ist doch wesentlich besser als am Vorabend.

Immernoch habe ich, ausser einem leichten Druck beim Luftholen, keine Schmerzen. Die Achselhöhlen kribbeln manchmal leicht, kommt wohl eher durch die pieksenden Haare. Die kleinen Schnitte sind mit durchsichtigem, wasserdichtem Wundpflaster abgeklebt.

Gegen 7 kommt Dr. Tarfusser zur Abschlussvisite, dem Niederländer und mir geht's super, wir werden mit guten Wünschen entlassen. Die OP ist sehr gut gelaufen, das Röntgenbild zeigt keine Rückstände des Gases in der Lunge. Am Empfang bekomme ich drei Umschläge mit den Rechnungen von Dr. Tarfusser, Dr. Friedrich und der Klinik. Dr. Tarfusser ca. 3200 DM, Klinik ca. 1500 DM (für den OP-Saal, Bett, Verpflegung etc.) und Dr. Friedrich ca. 800 DM für die Narkose. Die 5.500 DM bezahle ich in Bar, Lire braucht man nicht unbedingt. Euroschecks gingen auch, allerdings werden Kreditkarten, EC-Karten usw. nicht akzeptiert, was wohl üblich ist in Italien.

Am Nachmittag gehe ich mit meiner Freundin shoppen und bekomme eindrucksvoll den Erfolg der Operation demonstriert. Das Erröten ist komplett weg. Die Klassiker wie Bezahlen im Supermarkt oder sich beraten lassen beim Klamotten anprobieren oder volle Cafes mit tausend Blicken jagen mich nicht mehr ins Bockshorn. Der Kopf bleibt kühl und noch etwas fällt mir auf: Ich bin komplett entspannt, eine angenehme Ruhe ersetzt den früheren Stress von Alltagssituationen. Unglaublich. Ich merke allerdings das kompensatorische Schwitzen an Rücken, Bauch und den Oberschenkeln. Es ist zwar spürbar aber erträglich und im Vergleich zur früheren Situation nehme ich das gerne in Kauf.
Die OP ist jetzt einige Tage her und immernoch hat sich das Erröten nicht mehr eingestellt, selbst bei früheren Horror-Situationen nicht. Will mal hoffen, dass das so bleibt. Übrigens: Wenn man - wie ich - ein heller Hauttyp ist, bleibt das Erröten bei Alkoholgenuss und bei Hitze auch nach der OP bestehen, obwohl ich das Gefühl habe, dass selbst diese "Grundröte" zurückgegangen ist.
Insgesamt war die OP für mich bisher ein voller Erfolg und ich kann speziell den Eingriff bei Dr. Tarfusser in Meran guten Herzens empfehlen.

Hoffe, dass ich Euch mit diesen langen Ausführungen nicht gelangweilt habe und wünsche Euch alles Gute.

Tom