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bericht steffen
arzt: dr. tarfusser

 

 

geschrieben von Steffen am 27. Juni 2001

Hallo,

auf Wunsch von Carsten, einen Beitrag für die Kategorie „Berichte“ zu schreiben, möchte ich etwas zu den Erfahrungen mit der ETS aus meiner Sicht sagen.

Meine erste ETS in Meran bei Dr. Tarfusser liegt nun schon ein paar Jahre zurück. Der Grund dafür war mein langjähriges Leiden unter der Erythrophobie. Große Ausführungen zur Vorgeschichte möchte ich mir eigentlich ersparen, denn meine Geschichte ist mit der euren nahezu identisch. Nur soviel. Als Jurist spielt sich mein Berufsleben nahezu ausschließlich im kommunikativen Bereich ab, so daß die Erythrophobie mein Leben wirklich fest im Griff hatte. An der Uni war das nicht so ein großes Problem, da man in einem Vorlesungsraum mit mehreren Hundert Kollegen ziemlich gut „untertauchen“ kann. Als das Studium allerdings beendet war und mein Referendariat begann, wurde das Problem jedoch übermächtig. Denn jetzt ging es ums Praktische. Also Referate halten, Gerichtsverhandlungen leiten und strafrechtliche Abschlußplädoyers halten. Und das nicht selten in einem mit 50 Leuten vollbesetzten Gerichtssaal. Horror!

Ich muß sagen, daß ich immer etwas gemacht habe, um gegen das Erröten anzukämpfen, so daß ich mit meinen 28 Jahren auf eine relativ große Erfahrung hinsichtlich diverser Behandlungsmöglichkeiten zurückblicken kann. Erfolglos versucht habe ich: Psychotherapie, Hypnosetherapie, Autogenes Training, Selbsthypnose, Muskelentspannung nach Jacobsen, Fußreflexzonenmassage, Akupunktur, verschiedene Psychopharmaka, Autosuggesitve Medien, Bücher. Geholfen haben nur die sehr starken Beruhigungsmittel (vor allem Tavor und Tranxilium Tabs), die ich aber schon nach kurzer Zeit wegen der hohen Abhängigkeitsgefahr abgesetzt habe.

Durch Zufall habe ich dann auf einer amerikanischen Homepage (damals gab es noch fast keine Infos zu diesem Thema im Internet) zur Hyperhidrose gelesen, daß es ein operatives Verfahren gibt, mit dem u.a. auch gute Erfolge beim Kampf gegen das Erröten erzielt wurden, nämlich die ETS.

Durch weitere Recherchen bin ich dann letztlich auf Dr. Tarfusser aufmerksam geworden und habe mich umgehend mit ihm in Verbindung gesetzt, mich ausführlich beraten lassen und einen Termin vereinbart.

Ich war wirklich angenehm überrascht, als ich 2 Wochen später Dr. Tarfusser und das OP Team persönlich kennengelernt habe. (Dr. Friedrich war damals noch ziemlich dick...) Und ich war sehr beruhigt, daß alle einen sehr professionellen und routinierten Eindruck machten.

Der Eingriff selber verlief dann ohne Komplikationen und so konnte ich am nächsten Tag das St. Anna Hospital wieder verlassen und mit dem Auto zurückfahren.

Mit dem Ergebnis war ich wirklich super zufrieden, denn ich habe schnell festgestellt, daß ich absolut nicht mehr rot geworden bin. Das Gefühl, plötzlich wieder „Herr über seinen Körper zu sein“, ist wirklich nicht in Worte zu fassen. Und das nach all den Jahren der Angst! Einfach unglaublich!!!

Negative Folgen der OP hatte ich so gut wie nicht. Lediglich bei hohen Temperaturen und Extremsituationen habe ich leichtes kompensatorisches. Schwitzen an den Beinen festgestellt. Verglichen mit einem kühlen Kopf und der damit verbundenen neu gewonnenen Lebensqualität ist das aber wirklich nicht der Rede wert.

Mit meinem neu gewonnenen Leben habe ich natürlich auch alle Situationen gemeistert, die das Referendariat von mir abverlangt hat. Und natürlich war auch der ganz normale Alltag nun ziemlich easy. Das war jetzt kein Problem mehr, denn ich war ja wieder ich selbst.

Der Erfolg des Eingriffs hat ca. 1 Jahr gehalten und dann kam es wieder zu einer teilweisen Verschlechterung der Symptomatik. Leider! Ich habe also festgestellt, daß ich manchmal wieder rot werden kann. Allerdings nicht mehr so extrem wie früher, so daß ich immer noch einen Riesennutzen durch die ETS habe. Aber ich wollte es perfekt haben, da sich mit dem Wissen des Rotwerdens auch erneut die psychische Komponente der Angst zurückmeldet. Aus diesem Grund habe ich mich vor kurzem für eine 2. ETS entschieden. Das Problem ist, daß dieser Eingriff noch absolut in den „Kinderschuhen“ steckt und keine Forschungsergebnisse dazu existieren. Selbst Dr. Tarfusser hat diesen Eingriff bisher erst 3 mal gemacht und kann über den Erfolg bisher nur soviel sagen, als daß der Eingriff bei diesen Patienten erfolgreich war.

Vor ein paar Wochen war ich also zum zweiten Mal in Meran (und noch immer habe ich von Meran selber nichts gesehen...). Nach einem ausführlichen Gespräch mit Dr. Tarfusser ging es dann los mit der OP. Ziel bei diesem 2. Eingriff war es, das Ganglion stellatum bis zum unteren Kommunikantenpaar Th1 freizulegen und diese durch Clips zu unterbrechen. Dem lag die Annahme zugrunde, daß die Signale über die nächst höhere Stufe (Th1) gesendet werden. Leider mußte der Eingriff nach über 2 Stunden zu meinem eigenen Schutz abgebrochen werden. Aufgrund einer anatomischen Besonderheit (Azygoslappen, hohe Rippe...) war der abzuklemmende Nerv nicht zugänglich, so daß ein Weitermachen zu einer möglichen Beschädigung von Blutgefäßen hätte führen können, was von den Folgen her zu gefährlich gewesen wäre.

Dr. Tarfusser war darüber mindestens genauso enttäuscht wie ich selber, aber für eine besondere Anatomie kann ja niemand was und vorauszusehen war das eben auch nicht. Aufgrund der Erfolglosigkeit war der Eingriff selber daher nahezu kostenfrei, was ich wirklich super fair war. Denn für meine Anatomie kann ja niemand was, am allerwenigsten das OP Team und das Hospital. Für mich ein klares Zeichen dafür, daß Dr. Tarfusser sehr am Erfolg des Eingriffs und am Wohl seiner Patienten interessiert ist und das Geld eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Dennoch muß ich sagen, daß ich den Versuch nicht bereut habe und ich werde, sobald sich hinsichtlich der Forschung etwas neues ergibt (und ich bin sicher, daß sich da sehr schnell Fortschritte ergeben), wieder einen neuen Versuch wagen, um dem Problem restlos Herr zu werden. Man muß vor dem Erröten nicht kapitulieren. Die einzige Kapitulation ist nichts zu machen und zu resignieren.

Ich denke, daß jeder, der bereits seit Jahren unter der Erythtrophobie leidet und dessen Leben ausschließlich davon beherrscht wird, der ETS eine Chance geben soll. Sie hat, trotz der teilweisen Rückbildung, mein Leben komplett zum positiven verändert Und die paar Tausend Mark sind wirklich eine gute Investition in die Zukunft. Eine längere Psychotherapie kostet sowieso mindestens genauso viel und wer zu den Hardcore-Erythrophobikern gehört, wird damit eh keinen Erfolg haben. Ich selber hatte auch keinen und ich habe auch noch niemand getroffen, der selbst nach über 3 Jahren Therapie  wirklich von einer kompletten Heilung gesprochen hat. Man weiß vielleicht danach alles über sich und seine verworrenen Gedankenmuster, aber ist das denn auch das Ziel der Therapie...? Jedenfalls bleibt die Veranlagung zum Rotwerden und solange der Ursache (sprich dem Nerv) nicht der Garaus gemacht wird, wird das Leben nie völlig angstfrei sein...

In diesem Sinne...Steffen!