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zeitungsbericht
spiegel 15.12.1997

 

 

geschickt von Harry am 02. Februar 2002
 

PSYCHOLOGIE - Lieber tot als rot

Menschen, die sich vor dem Erröten fürchten, trauen sich oft kaum vor die Tür: Ihre Not gilt Psychologen als quälende Phobie.

Ihren schwierigsten Patienten kennt die Mannheimer Psychotherapeutin Doris Wolf, 43, bloß vom Telefon. Weil der junge Architekt rot wird, wenn ein Fremder ihn nur anspricht, traut er sich nicht mehr aus der Wohnung.
Einigen seiner Leidensgenossen geht es kaum besser: Sie haben ihr Leben vermurkst. Aus Scham über ihr scheues Erröten machte beispielsweise eine 35jährige Bankkauffrau zu oft blau; jetzt ist sie arbeitslos. Und da er im Diskurs mit den Studenten nicht ständig die Gesichtsfarbe wechseln wollte, kippte ein 47jähriger Hochschuldozent regelmäßig zur Entspannung ein Gläschen Alkohol. Bald floß der Rotwein gegen das Rotwerden literweise: Bis zur nächsten Entgiftung ist der Professor krank geschrieben; und seine Frau, einst angetan von der sensiblen Art ihres Gatten, hat vor kurzem einen grölenden Trunkenbold verlassen.
Denn der rote Schädel ist das Stigma der Schüchternen, die leuchtende Birne entlarvt betont Lässige - die "Erythrophobie", die Furcht vor dem Rotwerden, ist, so belegen neuere Erkenntnisse der Psychologen, eine Geißel der Menschheit und ein Massenphänomen.
Dabei ist die Neigung zu roten Ohren allein zwar enervierend, aber harmlos. Die daraus folgende Panik vor möglichen Peinlichkeiten färbt auf das ganze Leben ab. Wer sich - meist nach ersten heftigen Schamattacken in der Pubertät - einbleut, nie wieder erröten zu wollen, steigert damit nur seine Errötungsquote. Ein Teufelskreis, der die Betroffenen, so behauptet die Psychologin Wolf in einem neuen Buch, reihenweise in Schulden und Süchte, in Verzweiflung oder Isolation treibt*.
Und keiner merkt's. "Schüchterne, die rot werden", so Wolf, "wollen um Himmels willen nicht auffallen, halten sich bedeckt." Das Versteckspiel bestimmt das Leben der Erythrophobiker. In Lokalen zum Beispiel suchen sie stets die schummrigen Ecken auf. Gern tragen sie Rollkragenpullover oder modische Schals, lange Haare und eine Sonnenbrille. Dauernd sind sie auf Achse, um im Klo- oder Handspiegel die Farbe ihres Gesichts zu überprüfen; im Zweifelsfall hilft dann ein Spritzer Eisspray oder eine Beruhigungspille.
Häufig grillen chronisch Errötende ihre Haut im Sonnenstudio, damit ein knackiger Braunton den Tomatenkopf übertüncht. Die mädchenhaft errötende Damenwelt verbringt täglich Stunden damit, grüne Camouflage-Paste vor dem eigentlichen Make-up großflächig auf das Gesicht zu verteilen. Und stehen Einladungen oder Konferenzen im Kollegenkreis an, fällt fast 20 Prozent der Errötenden nur eine Strategie ein: gar nicht erst hingehen.
Psychologische Studien, die sich bislang vereinzelt mit dem Thema befaßten, lassen die Dimension der Pein erahnen. Die mit Erröten Kämpfenden werden den Sozialphobikern zugeordnet, jenen Menschen, die laut einer Definition des Münchner Vereins "Deutsche Angststörungenhilfe" an einer "dauerhaften, unangemessenen Furcht in Situationen leiden, in denen sie mit anderen Menschen zu tun haben und sich deren ,Bewertung' ausgesetzt fühlen". Es geht dabei um öffentliches Essen, Reden, Schreiben, Existieren - kurz, um die latente Angst vor der totalen Demontage.
Die Zahl derart Geplagter ist groß; Schätzungen schwanken zwischen 8 und 15 Prozent der Gesamtbevölkerung. In Hochschulkreisen sind die meisten Verschüchterten zu finden: Bis zu 30 Prozent der Studenten werden von der Angst gequält, sich irgendwie und irgendwo zu blamieren, mit einem blöden Grinsen auf den Lippen und diesem puterroten Ballon.
Biologisch ist das Erröten wenig dramatisch: Bei Aufregung pulsiert mehr Blut durch die dann erweiterten Blutgefäße im Gesicht. Die Farbe breitet sich dabei zügig über Ohren, Nacken und Gesicht aus, sie verschwindet entweder nach Minuten oder bleibt ein paar Stunden sichtbar.
Gründe zu erröten gibt es viele: Verlegenheit etwa läßt die Backen ebenso blühen wie Freude. Auch wer sich schwarz ärgert, wird rot; zudem kann Erröten bedeuten, dem Gegenüber mehr als grün zu sein. Die amerikanischen Sex-Forscher Virginia Masters und William Johnson beobachteten den "Sex-Flush" während des Liebesspiels, eine Hitzewallung, die Brust und Gesicht abrupt rosig tönt; sicheres Zeichen höchster Verzückung.
Schon in Friedrich Schillers "Lied von der Glocke" verfiel der heimgekehrte Jüngling sichtlich erregt seiner Maid: "Errötend folgt er ihren Spuren und ist von ihrem Gruß beglückt." Heute ist Rot allerdings die Farbe, die vor allem Leiden schafft. Mit leuchtendem Schädel und brennenden Wangen fühlt sich unweigerlich geoutet, wer in Zeiten universaler Coolness Emotionen lieber unterm Deckel halten will.
Sozialphobiker, das ist der Psychologie bekannt, sind meist männlich und single, kommen aus einer nur mäßig geselligen Familie und haben einen Hang zum Perfektionismus. Die Furcht vorm Farbwechsel ist eine ziemlich deutsche Angelegenheit, nur übertroffen vom typisch britischen Schamgefühl. So errötete Prinz Charles anmutig beim Treffen mit den Spice Girls, und mehr als die Hälfte aller Engländer wird rot, wenn sie sich ertappt fühlen. Südländer dagegen sind selten so offensichtlich peinlich berührt. Ein dunkler Teint übertüncht das verräterische Leuchten - das übrigens auch bei schwarzer Haut auftritt, aber nur selten wahrnehmbar ist.
Daß auch Schwarze rot werden, bestritten im 19. Jahrhundert vor allem rassistische Theologen und Philosophen - besonders in der Sklavenhalter-Nation USA. Charles Darwin hatte das Erröten geadelt, indem er befand, es sei "die charakteristischste und menschlichste aller Ausdrucksformen". So wurde Scham schick: Die Fähigkeit, vornehm zu erröten, wurde in jenen Jahren in der hellhäutigen und blaublütigen Gesellschaft gepflegt, denn sie galt als Zeichen von innerem Anstand, Moralempfinden und menschlicher Würde. So ziemlich all das, was man den Schwarzen nicht zugestehen wollte.
Nüchterner wurde das Erröten vom Ende des 19. Jahrhunderts an beurteilt. Verlegenheit kam aus der Mode, darum gilt heute Scheu als Makel. Auch die klassische Psychoanalyse trug dazu bei: Sie deutet schüchternes Erröten als eine Art geistige Schamübertragung von den Genitalien auf das Gesicht und hält rote Ohren für eine Form von Exhibitionismus - dringend behandlungsbedürftig also.
Moderne Psychologen halten das für beschämenden Quatsch. Ehen mit Schüchternen, so ihre Erkenntnisse, scheinen erfüllender und dauerhafter zu sein als andere Verbindungen. Zurückhaltende Menschen werden von ihren Partnern als diskret und einfühlsam beschrieben. Und Gruppenexperimente demonstrieren: Während Schüchterne zwar bei Fremden auf Anhieb meist auf Ablehnung oder Ignoranz stoßen, wandelt sich nach der siebten Zusammenkunft die Stimmung zugunsten der stillen Teilnehmer. Sie gelten als die intelligentesten und sympathischsten Mitglieder der Runde. Der Sympathie tut auch ihr leidiges Erröten keinen Abbruch, im Gegenteil: Beobachter verspüren mehr Zuneigung zu Personen, die bei einem Regelverstoß noch rot werden können.
Das Wohlwollen nützt den Schamgeschüttelten allerdings wenig. "Sie glauben schlicht nicht daran", hat die Therapeutin Wolf, die einst selbst von Erröten geplagt war, festgestellt. Briefe, die sie bündelweise erreichen, erzählen von der Qual. "Mein größter Hemmschuh im Leben ist das Erröten", heißt es da, "das kommt plötzlich über mich, und ich stehe da mit rotem Kopf, und alle gaffen mich an." Oder: "Ich gehe nicht alleine weg und verzichte auf sehr viele Dinge, weil ich wahnsinnige Angst davor habe, wenn die Leute mich mit meinem roten Kopf sehen."
Viele stürzt das Erröten in Depressionen. "Manchmal gehe ich über die Straße und denke, daß mich jetzt ein Auto überfahren sollte, damit ich erlöst bin", schreibt eine Mutter von drei kleinen Mädchen: lieber tot als rot. Eine 34jährige Krankenschwester, die ihren Patienten nicht mehr ins Gesicht sehen konnte aus Angst, rot anzulaufen, brachte sich mit einer Überdosis Schlaftabletten um.
Manchmal aber kann die Therapeutin helfen. Im Kampf gegen das Erröten ermuntert Doris Wolf Menschen zur Offensive. "Ich kann mich halt noch für vieles erwärmen", sollen sie starrenden Quälern entgegenwerfen oder: "Ich bin eben energiegeladen." Eine von Wolfs Patientinnen brachte die Kampfstrategie auf die Formel:
"Lieber rot als tot".

quelle: spiegel