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leidensweg
von "rufus"

 

 

geschickt von Rufus am 03. Januar 2003

Leidensweg

Mein Name ist Rufus (Pseudonym). Ich bin Erythrophobiker. Wie ich gerade sehe, kennt nicht einmal mein Computerprogramm dieses Wort. Aber es kennt das Wort Phobie, das soviel wie Angst bedeutet. Und die Angst, unter der ich leide, ist die Angst davor, rot zu werden.

Rot zu werden. Was für ein nichtiges Problem das doch ist, denken vielleicht die meisten. Im Prinzip muss ich Ihnen sogar recht geben. Dennoch habe ich mich von diesem Problem ein Drittel meines Lebens beherrschen lassen. Es hat mir das Leben zur Hölle gemacht.

Warum möchte ich im folgenden davon berichten? Vielleicht ist dies der einfachste Weg, mich einem Außenstehenden anzuvertrauen. Außerdem kann mir keiner ins Wort fallen, was mich vielleicht nervös machen und vielleicht auch zum Erröten bringen würde. Ich hoffe, wer auch immer diese meine Geschichte liest, wird sie gründlich lesen. Nur so kann man verstehen, was an der Erythrophobie das Problem ist oder warum diese „Krankheit“ fast ständig wie ein ekelhafter Geier um meine Gedanken kreist und immer im Zentrum meiner Aufmerksamkeit – meines Lebens – stehen wird.

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Meine Geschichte beginnt irgendwann im Juni oder Juli 1997. Ich war 12 Jahre alt und in der 6.Klasse des Gymnasiums. Mein Zensurendurchschnitt lag zwischen Eins und Zwei. Ich war also ziemlich gut in der Schule, was mir allerdings auch keine Mühe bereitete. Bei meinen Mitschülern war ich sehr beliebt und ich fühlte mich auch inzwischen vollkommen wohl unter ihnen. In der 5.Klasse war das noch nicht so gewesen, da ich ganz neu in der Klasse war und die „Meinungsmacher“ der Gruppe fanden, dass ich nicht cool genug wäre und außerdem ja gar keine Markenklamotten trage. Nun, letzteres ließ sich beheben und führte letztendlich auch zu der Anerkennung meiner Person seitens dieser „Meinungsmacher“, nach der ich strebte. Mit allen anderen verstand ich mich ja sowieso gut.

Ich war schon immer ein ruhiger, zurückhaltender Schüler. Nichtsdestotrotz hat es mir riesigen Spaß bereitet, meine Lehrer auf die Palme zu bringen oder irgendwelchen Blödsinn mit meinen Freunden anzustellen. Leider war ich damals nicht sehr selbstbewusst. Ich habe mich immer von den Forderungen meiner Mitschüler leiten lassen, wie schon das Beispiel mit den Markenklamotten zeigt. Dies war wahrscheinlich auch einer von vielen Faktoren, die dazu führten, dass ich mit dem Geigenunterricht aufhören wollte. Ich wollte auch cool, d.h. meinen Mitschülern ähnlich sein.

Meine Mutter arbeitete in der Kirche. Ich verleugnete sogar Gott.

Ende der 6.Klasse jedoch, zu der besagten Zeit, in der alles begann, war ich vollkommen zufrieden mit mir und meiner Umwelt, da ich es sogar geschafft hatte, dass meine Eltern mich vom Geigenunterricht abmeldeten und ich meinen Freunden wieder in einem Punkt ähnlicher geworden war. Niemals hatte ich damals geahnt, was mir die Zukunft so bald bringen wird.

Das Schlüsselerlebnis, wenn man so will, war eine letzte Stunde an einem bis dahin ganz normalen Tag. Es muss wohl eine sechste oder siebente Stunde gewesen sein. Wir hatten Geographie. Ich weiß noch genau, mit welchem Lehrer. Ich saß in der hinteren Mitte zweier Reihen von Schulbänken, die U-förmig im Klassenraum angeordnet waren. Neben mir saß einer der Meinungsmacher, der, wie ich damals glaubte, auch mehr ein Mitläufer war, d.h. cool sein wollte. Jedenfalls waren wir beide froh, nebeneinander zu sitzen. Wir beiden passten gut zusammen, um Blödsinn anzustellen.

In der besagten Geographiestunde saßen wir nun da und spielten mit einem kreisförmigen Radiergummi, auf dem ein grüner Punkt abgebildet war. Ich hatte es zuvor von einem Freund geschenkt bekommen. Mein Banknachbar versuchte also, mir den Radierer zu klauen, was ihm auch gelang. Mein Versuch, mir den Radierer zurückzuholen, wurde vom Lehrer, der übrigens auch Sport unterrichtete, bemerkt. Er schrieb daraufhin meinen Namen an die Tafel, zeichnete daneben einen Strich und sagte: „Erste gelbe Karte!“ Irgendwie bekam ich meinen Radiergummi jedenfalls wieder, worauf sich das ganze Spiel wiederholte, mein Lehrer einen zweiten Strich neben den ersten setzte und mir die „Zweite gelbe Karte“ verlieh. So weit, so gut. Aber aus unserer kindlichen Freude über den schönen Radiergummi wurde bald die „Rote Karte“. Ich wurde daraufhin an den Rand der vorderen Bankreihe gesetzt, was mir ziemlich unangenehm war, da ich aufgrund der U-förmigen Aufstellung der Tische im Blickpunkt aller stand und außerdem neben unserer Klassenstreberin saß, die wir damals auf alle erdenkliche Art und Weise geärgert haben.

Auch wenn ich diese Situation als etwas unangenehm empfand, war die Sache danach für mich gegessen. Morgen würden wir darüber lachen, dachte ich. Das taten wir auch – besser gesagt, die anderen. Ich hätte auch wirklich lachen können, wäre nicht der oberste Meinungsmacher der Klasse zu mir gekommen, der mit dem Finger auf mich zeigte und sagte: „Du bist ja ganz schön rot geworden.“

War ich wirklich rot geworden in der Geostunde? Tatsache ist, dass ich es nicht weiß. Ich hatte überhaupt nicht daran gedacht, dass ich möglicherweise rot werden könnte oder rot geworden bin. Das war doch total unwichtig – bis dahin. Als dann dieser oberste Meinungsmacher immer wieder anfing, zu sticheln indem er mich z.B. als Glühwürmchen bezeichnete, begann ich wirklich, mir Gedanken über meine Gesichtsfärbung zu machen.

Die Angst war sozusagen geboren, nur habe ich das damals noch nicht realisiert. Na ja, selbst wenn ich rot geworden sein sollte, wird es mir doch nicht noch einmal passieren, dachte ich. Doch es geschah, gleich am nächsten Tag. Die Sticheleien kamen nun auch von anderen: „Bist ja schon wieder rot geworden.“

Dann kam irgendwann das heiß ersehnte Wochenende. Danach ist alles wie früher. Es ist doch nicht schwer: Du brauchst nur nicht mehr rot zu werden.

Was geschah wohl nach dem Wochenende? Richtig, ich wurde wieder rot. Tag für Tag. Und wieder, und wieder, und wieder.... Manchmal sogar mehrmals an einem Tag. Ich hoffte auf die erlösenden Sommerferien. Schließlich war ja schon Juli. Danach wird bestimmt alles anders, dachte ich.

Was konnte ich bis dahin tun, damit mein Gesicht nicht rot wird? Ich hatte keine Ahnung, was mit mir vor sich geht. Da es mir durch mein ständiges Erröten auf einmal unangenehm war, aufzufallen – sei es, weil ich Blödsinn anstelle, die Hausaufgaben vergessen habe, mich einfach nur melde im Unterricht, oder vom Lehrer aufgerufen werde – zog ich die logische Schlussfolgerung, wenigstens bis zu den Sommerferien alle gerade aufgezählten Situationen tunlichst zu vermeiden. Mein Problem würde sich dann schon von selbst lösen.

In den Sommerferien war dann auch alles in Ordnung. Den Gedanken, ich könnte rot werden, wurde ich dennoch nicht wieder los. War ich mit meiner Familie zusammen, fühlte ich mich sicher. War ich aber mit Freunden zusammen, wurde die Angst, zu erröten, wieder übermächtig.

Nach den Sommerferien kam ich dann also mit einem unsicheren Gefühl in die 7.Klasse. Mein Wunschtraum, alles würde wie vorher sein, zerplatzte schon am ersten Tag wie eine Seifenblase. Da aufgrund der Wahl einer zweiten Fremdsprache neue Klassen gebildet wurden, war ich nun mit lauter neuen Leuten zusammen. Deshalb sollte sich anfangs jeder für die anderen vorstellen. Dabei wurde ich rot. Jeder sollte nach vorne zum Lehrer gehen und seine Leihbücher holen. Dabei wurde ich rot. 

Nun war die Erkenntnis da, dass ich das Rotwerden nicht besiegen kann. Die Hoffnung, die ich in den Sommerferien noch hatte, war endgültig verschwunden. Alles in meinem Kopf drehte sich nur noch um mein rotes Gesicht. Tag und Nacht.

Die Situationen, denen ich vor den Ferien ausgewichen war, hatten sich vermehrt. Ich konnte dem Rotwerden nicht mehr ausweichen. Es war keine spezielle Situation vonnöten, um mich zum Erröten zu bringen. Die Lehrerin ging an meinem Tisch vorbei, es sprach mich jemand auf der Straße an und fragte nach der Uhrzeit, Mädchen wollten mit mir anbändeln, Jungs wollten mit mir raufen, irgendjemand wollte einfach nur so mit mir reden... . Ich wurde jedes Mal, wirklich jedes Mal, rot.

Nach der Schule war ich immer erschöpft und froh, wieder zuhause zu sein. Da konnte ich ja anfangs auch noch normal sein. Nachmittags saß ich oft einfach nur da (ich spielte ja nicht mehr Geige) und dachte darüber nach, wie glücklich ich doch wäre, wäre ich nur dieses eine Problem los. Ich spielte in meinem Kopf alle Situationen des Tages vor mir ab. Wie hätte ich mich in dieser Situation verhalten sollen, wie in jener? Das erschreckende Ergebnis war jedoch, dass ich auch dabei, allein im stillen Kämmerlein, rot wurde. Ich fing an, mich im Spiegel zu betrachten. Auch da sah ich mich ständig rot werden. Bald genügte ein Blick zum Spiegel, um zu erröten.

Und dann war das Erröten auf einmal auch bei mir zuhause. Meine zwei älteren Schwestern wohnten noch bei uns. Ich konnte mich in der Regel normal mit ihnen unterhalten. Aber zusammen am Tisch zu sitzen, war Tag für Tag die Hölle. Wir besaßen eine Sitzecke, an der ich immer in der Mitte saß. Wurde ich also rot, konnte ich nicht einfach verschwinden oder so. Das trug natürlich zu meiner nunmehr ständigen Verunsicherung bei. Und natürlich wurde ich jedes mal zum Mittag oder zum Abendbrot rot. Gespräche bei Tisch bekam ich gar nicht oder wenn, dann nur halb mit. Ich fühlte nur das ständige An- und Abschwellen der Hitze in meinem Gesicht. Hoffentlich sieht mich keiner, hoffentlich spricht mich keiner an, dachte ich. Hoffentlich bemerkt keiner, wie rot ich bin. Wenn ich angesprochen wurde, versuchte ich schnell, mich aus der Affäre zu ziehen – und was am meisten Kraft kostete die ganzen Jahre lang, in Gesellschaft immer guter Laune zu sein, mir nichts anmerken zu lassen. Ich machte, wenn man so will, gute Miene zum bösen Spiel.

Es war schrecklich. Errötete ich abends, wobei ich noch heißen Tee trank, blieb mein Gesicht stundenlang gerötet. Im Winter ging ich dann nach dem Abendbrot raus, um allein zu sein und mich abzukühlen. Dann heulte ich oft sehr, sehr lange. Abend für Abend. Ich habe Gott und die Welt aufgrund meines Problems verflucht. Warum ich?

Another day, another dollar. Den nächsten Tag saß ich wieder mit scheinbar guter Laune in der Schule und habe alles über mich ergehen lassen. Besonders schlimm waren Situationen, wo irgendjemand etwas angestellt hatte und ich gefragt wurde, ob ich das war. Ich wusste, werde ich jetzt rot, glauben alle, dass ich es war und auch noch lüge. Aber was sollte ich machen außer die Wahrheit sagen? „Ich war es nicht“, sagte ich also mit rotem Gesicht. Wer hat mir da wohl geglaubt?

Ich hatte immer gedacht, der einzige Mensch zu sein, der ständig rot wird. In meiner neuen Klasse war jedoch noch einer, der das selbe Problem zu haben schien. Sollte ich ihn ansprechen? Vielleicht könnten wir uns gegenseitig helfen, dachte ich. Also beobachtete ich ihn und stellte fest, dass er ein ziemlicher Idiot war. Mit ihm könnte ich kein vernünftiges Wort wechseln. Wir beide hatten keinen gemeinsamen intellektuellen Nenner. In der 8.Klasse ging er auf die Realschule. Seitdem bin ich ihm nur noch einmal begegnet.

Der ständige, andauernde Kampf gegen mein rotes Gesicht bestimmte alles, was ich tat. Zu erschöpft, um nach der Schule noch etwas zu tun, lag ich in unserem Gärtchen am Stadtrand, nur um allein zu sein. Dort dachte ich weiter nach, was ich noch alles tun könnte, um meinen Feind, das Erröten, zu vernichten, um einfach nur normal zu sein. Ich analysierte sogar gedanklich die verschiedenen Arten meines Errötens. Es gab das leichte Erröten, das man ganz leicht und warm, fast angenehm, auf den Wangen spürt. Es gab das beißende Erröten, das einen dazu zwang, die Augen zusammenzudrücken. Und es gab das tiefe, schlimme Erröten, das die Hitze bis in die Ohren steigen ließ, bei dem die Hände anfingen zu zittern und das Herz so schnell und laut pochte, dass es fast wehtat im Kopf und man nichts um sich herum mehr wahrnehmen konnte, bei dem man einfach nur verschwinden wollte, bei dem man allen ausgeliefert war, völlig hilflos, und bei dem alles verloren schien. Ich zittere jetzt noch, wenn ich daran nur denke.

Ach, hatte ich gesagt, mein Zensurendurchschnitt wäre zwischen Eins und Zwei gewesen? Nun war er zwischen Zwei und Drei. Sogar Vieren hatte ich auf dem Zeugnis. Und das war mir egal. Es spielte keine Rolle mehr. Mündlich beteiligen ohne rot zu werden, konnte ich nicht. Außerdem war Schule eine einzige Last. Die ganzen Kinder um mich herum haben mich nur immer wieder verletzt, weil sie nicht verstanden, was mit mir los ist. Aber sie haben auch nicht gefragt. Verstanden hätten sie es sowieso nicht, da sie ja nicht mal erkannten, dass ich überhaupt ein Problem habe.

Nur ein einziges Mal, nach einem wieder mal sehr heftigem Erröten, kam ein Freund zu mir, legte den Arm um meine Schultern und sagte: „Hey, du bist wieder rot geworden. Ich hab schon gemerkt, dass dir das oft passiert. Aber da kann man wohl nichts machen. Ich mag dich so wie du bist.“ Er wusste nicht, wie viel mir das bedeutet.

In der Zeit, als ich so allein im Gärtchen saß, und den Kampf mit dem Rotwerden in meinem Innern führte, kam mir mehr als einmal der Gedanke, was wäre, wenn ich mich umbringen würde. Angesetzt habe ich das Messer zweimal. Wie schnell würde ich tot sein? Wären die Schmerzen größer als die, die ich ein Leben lang durch das Erröten ertragen müsste? Was würden meine Eltern und Freunde sagen, wenn sie mich tot fänden? Sie könnten ja gar nicht verstehen, warum. Meine Eltern liebten mich. Sie haben bemerkt, dass etwas nicht stimmt mit mir. Aber ich konnte nicht mit ihnen sprechen. Ich konnte nicht. Auch meine Freunde mochten mich, selbst wenn sie noch wie Kinder waren, die nicht wissen, was sie tun. Ständig machten sie mich darauf aufmerksam, dass ich schon wieder rot geworden bin. Dabei wollte fast keiner von ihnen mich damit ärgern oder hänseln. Aber jede ihrer Bemerkungen war ein Schlag ins Gesicht, das natürlich auch gleich eine entsprechende Färbung bekam.

Ich habe meine Selbstmordgedanken vor mir her geschoben. Sogar vor dem Tod hatte ich Angst. Nicht einmal dazu war ich stark genug. Ich hatte nicht nur Angst, rot zu werden, sondern auch Angst, zu sterben. Ich empfand mich selbst damals ziemlich zum Kotzen.

Eines Tages sah ich dann das Licht am Ende des Tunnels. In einem Bücherkatalog erblickte ich das Buch „Keine Angst vor dem Erröten“ von Doris Wolf. Über den Katalog konnte ich es nicht bestellen, weil meine Eltern das merken würden, was ich ja vermeiden wollte. Also ging ich in den örtlichen Buchladen und äußerte leise meinen Wunsch, den die bereits etwas ältere und strenge Dame lauthals wiederholte, was mir natürlich total peinlich war. Nach zwei Tagen bekam ich das Buch.

Es war erstaunlich zu hören, wie es der Autorin selbst ergangen war. Sie hatte einmal das gleiche Problem gehabt. Das gab mir ein wenig Vertrauen. Die Methoden zur Therapie fand ich allerdings niederschlagend. Eine schnelle Hilfe gaben sie nämlich nicht. Aber wenigstens Hoffnung. Was hatte ich für eine Wahl? Ich las das Buch sehr gründlich. Z.B. studierte ich alle Atemtechniken ein und machte mir die Anwendung des Perspektivwechsels zu eigen. Vor dem Spiegel, vor dem ich sonst immer rot wurde, übte ich eine selbstbewusste Körperhaltung. Vor demselben Spiegel begann ich, mein Erröten herauszufordern: „Ja, werd doch rot!“. Tatsächlich wurde ich dann rot, weshalb ich mit dieser Übung wieder aufhörte, bis meine Neugier mich wieder dazu anstiftete.

Na ja, und das Buch? Ich hatte es immer versteckt. Und aus Risikogründen, dass es jemand bemerkt, habe ich es (Entschuldigen Sie bitte, Frau Wolf!) weggeschmissen.

Zuerst wendete ich zuhause, auf meiner verhassten Sitzecke, die Atemtechniken an. Beruhigt haben Sie mich nicht wirklich, aber sie haben abgelenkt. Immerhin – auch wenn ich trotzdem noch rot wurde. Bald war ich eher vom Perspektivwechsel überzeugt. Ich schaute mich in kritischen Situationen immer gedanklich von einem erhöhten Standpunkt des Zimmers an. So wurde ich auch an meine Körperhaltung gemahnt. Eine selbstbewusste Körperhaltung verleiht einem wirklich das Gefühl von Stärke.

Aber es war verdammt schwer, all diese Techniken in einer Situation heftigen Errötens anzuwenden, wenn das kurze Gefühl von Stärke anfängt zu bröckeln und man Tag für Tag mehrmals ermahnt wird, noch einmal von vorne anzufangen. Außerdem hatte ich bis Anfang der 11.Klasse immer noch mit den täglichen Kommentaren und spöttischen Bemerkungen meiner Freunde bzw. Mitschüler zu kämpfen. Seitdem scheinen sie erwachsener geworden zu sein. Sie akzeptieren mich so wie ich bin und unterlassen die Bemerkungen – meistens. Manchmal, nachdem ich wieder rot geworden war und nicht verbergen konnte, dass es mir total dreckig ging, kam sogar hin und wieder einer von ihnen und fragte verwundert, ob mir schlecht sei, ich sähe krank aus. Wenn die wüssten.

Auf jeden Fall ging es in den Jahren 1998 bis 2000 ständig auf und ab mit dem Erröten. Ich fing ganz klein an. So begann ich beispielsweise, auf meinen Schulweg über den Marktplatz der Stadt zu fahren und nicht dort, wo weniger Leute waren. Klingt absurd, aber auch das fand ich schwer. Den Kampf mit dem Spiegel und der Sitzecke habe ich zuerst gewonnen. Von einer aktiven Beteiligung an irgendwelchen Gesprächen war ich noch weit entfernt, aber immerhin hatte ich in diesen Situationen keine Angst vor dem Rotwerden mehr. Ich versuchte, mein Erröten nicht mehr als Feind anzusehen. In diesem Sinne fing ich also an, positiv zu denken. Aber bis heute komme ich immer wieder in Situationen, in denen ich mich frage, ob ich mich nicht selbst anlüge? Ich habe keine Lust, mich ständig nur anstrengen zu müssen. Ich würde gern einfach nur ein normales Leben führen. Ist das zuviel verlangt?

In der 9.Klasse fing ich wieder mit dem Geigenunterricht an. In diesem Augenblick nicht nur, um wieder Musik zu machen, sondern um mir eine neue Situation zu erschließen, in der ich mich in Gesellschaft begeben kann. Nur durch die Herausforderung einer Situation kann ich mir sie so zueigen machen, dass ich ohne zu erröten in ihr leben kann. Bildlich gesehen war mein Lebensraum Anfang der 7.Klasse eine Punkt auf einer Landkarte, umgeben von Ländern, d.h. Situationen, in die ich mich nicht traute. Nun dehnte sich dieser Punkt immer weiter aus, nicht gleichmäßig. Es gab viele Länder und viele Schlachten zu führen. Nicht alle konnte ich beim ersten Mal gewinnen. Hatte ich sie aber erst gewonnen, waren sie für immer mein. Hin und wieder kommt es nun sogar vor, dass ich keine Schlacht mehr benötige, um eine neue Situation zu gewinnen. Sie fallen mir zu.

Ich bin froh, dass ich bis hierhin gekommen bin. Es geht immer bergauf, wenn auch sehr langsam. Komischerweise bin ich jetzt selbstbewusster als am Anfang meiner Geschichte. Ich habe eine Meinung und ich werde sie vertreten. Keiner hält mich davon ab. Und schon gar nicht mein Erröten.

Der Gedanke ans Rotwerden bestimmt nicht mehr meinen Tagesablauf, aber verschwunden ist er bis heute nicht. Immer wieder, noch viel zu oft, gibt es Situationen, in denen mich der Gedanke einholt und zuweilen auch übermannt. Dann bin ich manchmal zwar verzweifelt, aber zu früher ist das kein Vergleich.

Ich bin jetzt 18 Jahre alt. Meinen Geburtstag habe ich in diesem Jahr mit Freunden gefeiert. Ist nichts besonderes? Wenn es Zeiten gab, in denen man Angst hatte, mit der Familie zu feiern (lange Zeit ein Fremdwort), dann weiß man das zu schätzen.

Was wäre ich nun ohne mein Erröten? Keine Ahnung. Aber weil ich momentan gut drauf bin, danke ich Gott für mein Erröten. Und was Gott betrifft, ich habe momentan eine gute Beziehung zu ihm – und das wissen auch die Meinungsmacher aus der ehemals 6.Klasse.


Rufus