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bericht red alert
ärzte: dr. beshay + dr. stein

 

 

geschrieben von Red Alert am 11. Februar  2003

Hier der Bericht meiner OP

Vorgeschichte

Seit ca. meinem 15. Lebensjahr litt ich unter Erröten in allen nur erdenklichen sozialen Situationen. Die Ery hat mich in meinem Leben stark eingeschränkt (insb. Schule und Studium) und mehr und mehr die komplette Vorherrschaft über meine Verhaltensweisen übernommen. Nachdem ich anfangs nur in „normaleren“ Situationen (z.B. Aufruf in der Klasse) rot wurde, passierte es bald auch in der Bahn, beim Einkaufen, usw., also in Situationen ohne jegliche konkrete Auslösungsmomente. Das schlimmste an der Sache war aus meiner Sicht, dass man mit niemandem mehr normale Gespräche führen kann, weil man so fixiert ist au sein Problem: Ich nahm zuweilen den Inhalt des Gesprochenen gar nicht war, konnte nicht darauf eingehen (so fest ich mich auch anstrengte) und antwortete immer nur mit ja, ja, um mich dann, wenn ich die Röte im Gesicht verspürte, möglichst schnell von meinem Gesprächspartner abwenden zu können.
Vor zwei Jahren habe ich mich entschlossen eine Psychotherapie in Angriff zu nehmen. Der Erfolg erwies sich als sehr bescheiden: mir wurde bald klar, dass eine Therapie nicht das Erröten ausschalten kann, sondern „nur“ die Angst davor vermindern. Das Problem an der Sache ist die negative Rückkoppelung: jeder kurzfristige Aufbau des Selbstvertrauens, wird mit neuerlichen Negativerlebnissen wieder zunichte gemacht: Nach einem ¾ Jahr habe ich den Versuch abgebrochen. Als nächstes versuchte ich es mit einer medikamentösen Therapie: Nachdem mit einem medizinischen Test im Inselspital in Bern bei mir tatsächlich eine Überreaktion des sympathischen Nervensystems nachgewiesen werden konnte, liess ich mir das Medikament „Physiothens0,3“ verschreiben. Meine Erfahrungen damit waren insgesamt gesehen recht gut: Es stellte sich eine deutliche Verbesserung ein, ich wurde weniger oft und vor allem weniger stark rot. Die Kehrseite der Medaille: erstens wirkte das Medikament nicht immer gleich gut (an Tagen mit besonders niedriger Reizschwelle hatte ich manchmal das Gefühl, das Medikament wirke nur wenig). Zweitens machte sich als Nebenwirkung eine recht ausgeprägte Müdigkeit bemerkbar, die nicht gerade förderlich auf die Informationsaufnahme im Studium wirkte. Nachdem ich mit dem Medikament ein halbes Jahr Erfahrungen gesammelt hatte, nahm ich wieder Kontakt auf mit dem Spital. Ich liess mir von der Psychosomatik (wo ich den Test gemacht hatte) an die Abteilung für Thoraxchirurgie überstellen. Nach zwei Gesprächsstunden Im Dezember 02 mit den zuständigen Ärzten, stand der Entscheid zur OP fest.

Die OP

Meine Operation fand am 7.1.03 im Inselspital Bern statt, also etwas mehr als ein Monat vor Erfassen dieses Berichts. Operiert wurde ich von Dr. Beshay und Dr. Stein.
Nachdem ich am 6.1.03 mittags ins Spital eingerückt bin. Ich bezog mein Bett in einem 6er Zimmer. Nachmittags wurden die üblichen Tests (Blut, EKG, etc) durchgeführt. Nach dem Abendessen folgte ein letztes Gespräch mit dem Operateur und ich musste ein Dokument zur Kenntnisnahme der möglichen Operationsrisiken und Nebenwirkungen der OP unterzeichen. Abends guckte ich noch ein wenig fern, schluckte dann eine Schlaftablette und legte mich hin. Meine OP war für den Folgetag an zweiter Stelle angesetzt, der ungefähre Terminplan sah 9 Uhr vor. Um 7 wurde ich am nächsten Tag von einer Schwester geweckt. Essen durfte ich vor der OP natürlich nichts mehr. Also nahm ich eine Dusche und wartete dann im Zimmer auf den „Marschbefehl“. Um 8.15 war es dann bereits so weit: Ich wurde samt Bett ins Operationszentrum geschoben und bekam eine Infusion und der Narkosearzt erschien. Dann hiess es nur noch „tief einatmen“ und schwups, schon war ich weg.

Beschreibung des Eingriffs:
0.8 cm lange Inzision unter dem M. pectoralis. Eingehen von der 3. Rippe aus in den Thoraxraum. Einbringen der Kamera und problemloses Einsehen des sympathischen Grenzstranges links. Durchtrennen des Grenzstrangs über der 2. Rippe. 1cm medial und 3 cm lateral wird die Pleura indiziert. Analoges Vorgehen über der 3. bis 4. Rippe. Einlage eines Pleuracaths. Schichtweiser Verschluss der Inzision.
Analoges Vorgehen auf der rechten Seite mit symmetrischem Zugang unter dem M. pectoralis. Durchtrennen des Stranges über der 2. Rippe und Inzision der Pleura medial und lateral davon. Analoges Vorgehen bis zur 4. Rippe. Ebenfalls Drainage des Thoraxraumes mit Pleuracaths und schichtweiser Verschluss der Inzision. Trockener Verband.

Als ich von neuem das Licht der Welt erblickte, lag ich auf der Beobachtungsstation. Ich hatte keine Ahnung was für Zeit es war, aber die OP musste wie angekündigt etwa 40 Minuten gedauert haben. Immerhin konnte ich der Schwester entlocken, dass es bei mir keine Komplikationen gegeben hatte. Darüber war ich erst mal froh! Ich schlief noch etwas weiter, bis ich gegen Mittag meinen Platz in der Beobachtungsstation räumen musste und samt Bett wieder auf mein Zimmer geschoben wurde. Nun bemerkte ich auch, dass ich eigentlich so gut wie keine Schmerzen hatte. Etwas unangenehm waren nur die beiden Schläuche (Lungenkathter), welche immer noch unter meinen Achselhöhlen in den Brustraum gelegt waren. Ausserdem hing ich auch noch an der Infusion, d.h. die Fortbewegung im Zimmer war nur mitsamt Katheter und Infusionsständer möglich, so auch der Gang aufs Klo. Den Rest des Tages verbrachte ich im Zimmer mit schlafen und TV gucken. Am Abend folgte noch die Ärztevisite, wo ich noch einmal zu hören bekam, was ich schon wusste: Keine Komplikationen, ich kann das Spital am nächsten Tag verlassen. Yeahhh, das war erstmal das Wichtigste! Nach einer weiteren Nacht, wurden mir am 8.1. die Drainageschläuche und die Infusion entfernt, was nicht weiter wehtat. Anschliessend wurde ein Verband über die Operationsnarben gelegt. Nach einem letzten medizinischen Check begann das Warten auf die Entlassung. Das Mittagessen verstrich und erst am spätern Nachmittag, als ich gerade am Dösen war, wurde ich von Dr. Beshay geweckt. Neben der Kunde, dass ich nun das Spital verlassen könne, überbrachte er mir auch ein Video, welches den Eingriff dokumentiert (er hatte wohl gemerkt, dass ich mich speziell und intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt hatte und sich deshalb dieses kleine Present ausgedacht) Ich bedankte mich bei Ihm nahm noch das Abendbrot ein und verabschiedete mich anschliessend vom Schwesternteam, bei dem ich mich ebenfalls gut aufgehoben gefühlt habe! Danach hiess es: ab in die Freiheit!

Das Leben danach

Nun, 5 Wochen nach der OP, fühle ich mich prima! Die Schmerzen beschränkten sich wirklich auf ein Minimum und gehören längst der Vergangenheit an. Ansonsten:

Erröten und allgemeiner psychischer Zustand

Hatte seither nur in ganz wenigen Ausnahmefällen das Gefühl (nen Spiegel hatte ich leider nicht dabei ;-) ), zu erröten. Den Reaktionen meiner Mitmenschen konnte ich aber dann jeweils entnehmen, dass sie nichts bemerkt haben und das Erröten somit entweder gar nicht, oder nur in sehr abgeschwächter Form auftrat. Ausserdem kann ich wieder Gespräche führen ohne diese innerliche Befangenheit in mir zu spüren. Ich wirke relaxed und habe eine Menge an Spontanität zurückgewonnen. Manchmal bin ich selbst über mich erstaunt, wie ich mich einfach so in eine Diskussion einbringe. Ein deutliches positives Zeichen ist auch, dass ich mich gedanklich kaum noch mit der Problematik beschäftige. Ich merke, wie es mir gelingt, von der Sache Abstand zu gewinnen. Interessanterweise krieg ich beim Sport auch nicht mehr so einen roten Kopf wie vorher, die Backen bleiben schön kühl!

Kompensatorisches Schwitzen und Schwitzverhalten

Ich schwitze um einiges weniger als vorher. Nach körperlicher Anstrengung hatte ich früher immer einen total verschwitzten Kopf, und meistens auch ein mehr oder weniger durchgeschwitztes T-Shirt. Jetzt schwitze ich am Kopf viel weniger, und zu meiner grossen Überraschung auch am ganzen Oberkörper weniger! Eine ganz leichte Zunahme des Schwitzens lässt sich allenfalls im Beckenbereich und an den Füssen ausmachen (bei körperlicher Aktivität wohlverstanden). Da die warmen Sommermonate erst kommen, werde ich aber erst dannzumal eine wirklich objektive Aussage zum kompenatorischen Schwitzen machen können. Gustatorisches Schwitzen: nicht bemerkt.

Hände

Was die Hände anbelangt, so wurde bei mir nur die linke Hand deutlich trockener (nur auf der Innenseite), so dass ich sie ständig eincremen muss. Meine rechte Hand ist seltsamerweise sogar etwas feuchter als vor der OP. Das gleiche Bild auch was die Temperatureinflüsse angeht: Während meine linke Hand auch bei tierischer Kälte warm bleibt, ist die rechte doch immer schnell eiskalt. (kalte, bei Extremtemperaturen zuweilen eiskalte und schmerzende Hände waren auch ein Problem, das ich vor OP hatte) Die Asymmetrie bei den Händen ist somit eigentlich auch die einzige Sache, die mir etwas Sorgen bereitet, weil ich halt irgendwie Angst habe, die OP habe auf der einen Seite besser, auf der anderen Seite vielleicht nicht so toll gewirkt. Aber auch das werde ich im Laufe der Zeit rauskriegen.

Alles in allem bin ich mit dem Eingriff bisher sehr zufrieden, ich habe ein grosses Stück Lebensqualität zurückgewonnen!

Grüsse ;-)
 
Red Alert