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leidensweg
von moritz

 

 

geschickt von Moritz am 22. September 2002

Eines vorweg: Ein schönes Gefühl, auf die Seite hier und insbesondere auf Euch gestoßen zu sein! Meine Güte, da denkt man die ganze Zeit, man sei allein auf der Welt mit diesem Problem...
Möchte kurz meinen 'Werdegang' in Sachen Erröten schildern. Auch bei mir fing alles in der Pubertät an. Ich wurde in der Klasse aufgerufen und schon kamen die Kommentare 'Tomatensuppe, Tomatensuppe'. Das Rotwerden beschränkte sich danach aber an sich lange Zeit auf Rampenlicht-Situationen wie Referate halten - die ich so gut wie möglich weiträumig umschiffte. Nur eines Tages traf ich zufällig meinen (damaligen) 'Schwarm' und war, was ich eigentlich nicht kannte, um jedes Wort verlegen, stotterte rum - und wurde rot. Diese Situation hat mich dermaßen verunsichert, daß ich in der Zeit danach nur noch mit mir selbst und dem Rotwerden kämpfte. Bei jeder noch so belanglosen Situation stieg mir die Röte ins Gesicht. (Ihr werdet es kennen...) Und jetzt das (für mich) Verblüffende: Von einer Minute auf die andere war es verschwunden: Ich mußte für einen Ferienjob ins Ausland (wo ich vorher gelebt hatte) und mir nichts dir nichts war ich wie ausgewechselt, mein Selbstbewußtsein wieder hergestellt, mein Hadern mit mir wie weggeblasen - und damit auch das Erröten (bis auf die 'Rampenlicht'-Situationen). Was ein schönes Gefühl, wieder man selbst zu sein, sich nicht verkriechen zu wollen!
Das war vor ca. 5 Jahren. Seither nahm (mit steigendem Ego) das Rotwerden immer mehr ab, mittlerweile bin ich Uni-Dozent und habe (bzw. hatte) richtiggehend Freude daran, vorne zu stehen und Wissen zu vermitteln. Alles bestens also - wäre da nicht eine Situation (einmal mehr in Sachen Liebe - da hilft halt auch ein gutes Ego nicht...), in der zwei, drei dumme Kommentare zu meiner (von mir nicht bemerkten!) Röte kamen und seitdem geht es nur noch den Bach runter. Werde sogar in höchste belanglosen Situationen und vor meinen besten Freunden rot... Und jetzt naht der Semesterstart und damit en masse Situationen, bei denen ich meinen Mann werde stehen müssen...
Ich möchte mich aber unter keinen Umständen dieser 'Geißel' unterwerfen. Wie oft habe ich in der Vergangenheit bei Diskussionen einfach geschwiegen nur aus Angst, daß mir wieder das Blut ins Gesicht schießt!
Zur Zeit weiß ich nicht wirklich weiter, versuche eine Art mentale Eigentherapie (Bis vor einigen Jahren hatte ich eine starke Angst vor Spritzen. Man brauchte nur von einer Blutabnahme zu reden und mein Kreislauf sackte ab... Irgendwann begann ich, mich im Kopf damit auseinanderzusetzen. Habe mir die Situation, eine Spritze zu bekommen, bildlich vorgestellt, bis ich eines Tages wußte: Beim nächsten Mal wird Dir nicht schlecht werden.)
Ich versuche also mich ausführlich mit dem Problem auseinandersetzen und mir vor Augen zu führen, daß ich mich nicht in die Enge gedrückt zu fühlen brauche, nur weil ich an der Kasse stehe und vermeintlich alle Welt gerade auf meine Wenigkeit starrt - obwohl die meisten ja eh mit sich selbst beschäftigt sind...

In der Hoffnung auf einen regen Austausch und auf ein 'blasses Leben' unser aller grüßt Euch


Moritz