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bericht michael
arzt: dr. tarfusser

 

 

Geschrieben von Michael am 09.Februar 2002

Hallo Leidensgenossen,

hier nun für diejenigen, die sich für das "danach" nach einer ETS interessieren, mal wieder ein Erfahrungsbericht:

Körperlich: Hin und wieder noch leichtes Brennen unter den Achseln. Wunden verheilt, eine hat Anfang der Woche noch ein wenig geeitert. Drei Narben noch leuchtend rot, eine schon sehr schön verheilt, kaum noch sichtbar.
Haut an Händen, Armen und Rücken sehr trocken, hat sich in den letzten 10 Tagen ein bisschen geschuppt, geht aber nun wieder.
Joggen kann ich schon seit 2 Wochen. Danach habe ich früher stark an der Stirn geschwitzt und gerötete Haut im Bereich der Wangen gehabt. Gesicht sieht jetzt aus, als wenn ich gerade von einem Nickerchen aufgestanden wäre, null Schweiss. Ich schwitze etwas stärker am Bauch, aber wohl noch nicht genug, mein Körper hat deutlich noch Probleme mit der Wärmeregulation, dauert jedenfalls wesentlich länger, bis ich "abgekühlt" bin.
Kompensatorisches Schwitzen in "Normalsituationen": Deutlich stärker an den Füssen, sonst nix.
In Situationen, in denen ich früher sonst leicht errötet wäre: Kein stärkeres Schwitzen.
In Situationen, in denen ich früher stark errötet wäre: noch deutlicheres Schwitzen an den Füssen (habe schon auf Sommersocken umgestellt ;-), etwas an den Beinen, etwas unter den Achseln.
Also insgesamt sehr erfreulich!!! Aber draussen ist es ja immer noch kühl. Mal sehen, wie es im Sommer wird.

Und nun zum wichtigsten, dem Erröten: Ich staune vor mich hin.

In den Situationen, in denen ich früher etwas errötet wäre, geschieht nichts mehr. Nach nun fast 4 Wochen hat sich sogar meine Angst davor so abgebaut, dass sie in diesen Situationen gar nicht mehr auftritt. Ich bleibe völlig gelassen, eine riesen Erleichterung!

In Situationen, in denen ich früher stark errötet wäre, spüre ich manchmal - und immer öfter - gar nichts, manchmal noch ein leichtes Kribbeln auf der Gesichtshaut, und manchmal ein leichtes Hitzegefühl auf der Haut. Ich weiss immer noch nicht, ob ich dann erröte. Wenn, dann kann es aber nur sehr leicht sein.

Lediglich alte, lange antrainierte Fluchttendenzen und Verhaltensweisen sind noch spürbar. Ich muss hier den Stil der sachlichen Beschreibung mal verlassen: Aber jede dieser positiven Erfahrungen wird von meinem Bewusstsein aufgesogen, wie ein seit 18 Jahren ausgetrockneter Schwamm!
Ganz langsam, wenn auch in sehr kleinen Schritten, verändert sich mein Verhalten. Ich meide Situationen nicht mehr, teilweise suche ich sie sogar schon.
Ich will nicht euphorisch klingen, es ist erst 4 Wochen her und körperlich war die ETS auch eine grosse Strapaze und risikobehaftet. Aber für mein Leben war sie ein riesiger Schritt nach vorn!

Die OP hat ziemlich genau 3.000 € gekostet.
Dazu drei Übernachtungen im Hotel, wollte nicht sofort rückreisen, Fahrtkosten usw, denke, nochmal so um die 500 €. Habe aber auch Meran noch geniessen wollen, sehr nette Stadt.
Zeitaufwand: Montag Anreise, Dienstag OP, Donnerstag Rückreise. Ich war danach ziemlich fertig, hätte nicht sofort wieder arbeiten gehen können, hatte eine Woche Urlaub genommen.

Ich freue mich schon auf den Frühling! ;-)

Mit vielen Grüssen,

Michael
  


Update von Michael am 04.August 2002

Hallo Gemeinde,

ich bin in letzter Zeit nicht mehr ganz so häufig hier gewesen. Und das spiegelt auch sehr gut die Situation wieder: Erröten ist kein zentrales Thema mehr für mich!

Nachdem nun 7 Monate seit meiner ETS (Mitte Januar, bei Dr. Tarfusser)
vergangen sind, ist es an der Zeit für einen "Halbjahresbericht", der eine oder andere ist vielleícht an den Erfahrungen interessiert.

Zu den Operationsfolgen: Die Narben sind vollständig verheilt. Bei meiner hellen Haut natürlich leicht rot erkennbar, aber unter dem nachgewachsenen Achselhaar, wenn man nicht danach sucht, nicht wahrnehmbar. Ich habe auch keinerlei Schmerzen oder Probleme mehr damit, in den ersten 4 Monaten nach der OP haben sich aber zwei von den vier Narben immer mal wieder entzündet, erkennbar an der dann hellroten Farbe und Eiterung.

Das kompensatorisches Schwitzen: In den ersten Monaten nur in früher errötungsauslösenden Situationenen mittelstark an Bauch und Beinen, kein Schwitzen im Gesicht. Beim Sport ein extrem heisser Körper.

Seit ca. 6 Wochen, also seit es "Sommer" ist, ist das kompensatorische Schwitzen in errötungauslösenden Situationen recht stark an Bauch und Rücken (feuchtes Hemd), leicht an den Beinen. Da sich die Angst vor dem Erröten aber radikal reduziert hat, sind diese Situationen höchstens ein bis zweimal am Tag, schnell vorbei und kein echtes Problem.

Generell schwitze ich am Kopf und den Armen null, bei sommerlichen Temperaturen dafür stärker an Bauch, Rücken und etwas an den Beinen. Interessant ist auch, dass ein dauergerötetes Gesicht, welches ich früher bei hohen Temperaturen hatte, nun nicht mehr auftritt, und sich wohl auch in den anderen Körperbereichen austobt. Das ist weder Vor- noch Nachteil, da die Dauerröte bei hohen Temperaturen für mich auch früher kein Problem war.

Extrem ist das schwitzen aber bei körperlicher Anstrengung, Sport oder auch ein Tanztempel. Dann ist das schwitzen extrem, die Hose wird um die Knie und im Schritt feucht, dass Hemd kann ich tatsächlich auswringen. Sogar ein Ledergürtel war letztens so feucht, dass ich ihn eine Tag trocknen lassen musste.
Aber auch dort galt: null schwitzen an Kopf oder Armen.
Wenn ich mich in der Sonne draussen bewege, wird das Hemd schnell durchschwitz.
Alles in allem aber kein echtes Problem, man kann sich durch die Art der Kleidung darauf einstellen.

Das Erröten selbst: In "Normalsituationen" (Angesprochen werden, in Gruppen reden, Präsentationen, Kritik, Flirten ;-) kein Problem mehr. In sehr peinlichen Situationen tritt ein leichtes Erröten auf, bei weitem nicht mehr so extrem wie früher. Keinerlei Behinderung mehr für mich, dieses Erröten in extremen Situationen kommt vielleicht einmal alle zwei Wochen vor, und ich würde ich als "normal" bezeichnen.

Das Empfinden: Während der ersten Wochen ungläubig vorsichtig. Je öfter aber das Hitzegefühl im Gesicht ausblieb, desto sicherer fühlte ich mich, und began das neue Leben nach 3-4 Monaten wirklich zu geniessen!!!

Es gibt aber durchaus Phasen, in denen eine gewisse Wehmut vorhanden ist, weil mir dann bewusst wird, was ich alles in en letzten anderthalb Jahrzehnten an Lebensfreude verschenken musste. Diese Phasen sind aber nur kurz, denn mir ist natürlich bewusst, dass auch andere nicht nur durch ihr Leben "schweben".

Das generelle Angstempfinden im Umgang mit anderen Menschen, dass sich durch die Angst vor dem Erröten sehr verallgemeinert hatte, sich deutlich reduziert. In sehr "stressigen" Situationen, vor allem beruflicher Art, spüre ich aber noch deutlich eine Beklommenheit, die sich dann in meiner etwas schwächelnden Stimme äussert. Das vergeht aber, da die Angst sich deutlich reduziert, wenn mir bewusst wird, dass ich nicht erröte.
Meine Phobie vor dem Erröten ist fast verschunden, ich kann sogar scherzhaft in etwas peinlichen Situationen sagen "da werde ich ja rot". Früher undenkbar und mit sofortigem Herzstillstand verbunden.

Grundsätzlich hat sich aber, gerade in den letzten 2 - 3 Monaten, in meinem Leben unglaublich viel getan. Ich habe neue Sportarten begonnen; kann Kurse mit anderen Menschen besuchen, was mir früher ein Graus gewesen wäre; kann beruflich viel besser mit anderen Menschen umgehen.

Die ETS hat wirklich mein Leben drastisch verbessert, ein Riesengewinn an Lebensfreude. Dafür bin ich dankbar, und umso mehr, da die ETS ja bei anderen nicht immer nur positive Wirkungen hatte.

Ich wünsche Euch, wie immer ihr mit dem Erröten umgeht, weiterhin alles Gute!

Michael