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bericht martin
arzt: dr. tarfusser

 

 

geschrieben von Martin am 13. September 2001

Die Vorgeschichte

Seit knapp 2 Jahren litt ich unter Erythrophobie, ohne es allerdings zu wissen. Für mich war es ein Schlag nach dem anderen, als ich immer leichter knallrot wurde und keine Ahnung hatte, warum. Da es allerdings vorher bei mir anders war, hoffte ich immer darauf, dass es wieder so wird wie früher und ich wieder der Alte werde. Auch damals wurde ich hin und wieder rot, allerdings nur in Extremsituationen (schwere Referate vor ganz vielen Leuten z.B.). Das machte mir nicht so viel aus, damit wurde ich fertig, es kam ja nur ca. 5-8 mal pro Jahr vor.

Die Hoffnung auf Besserung des Zustandes allerdings wich mehr und mehr der Angst, Probleme mit dem Herz zu haben, weil ich immer stärkere Herzklopfen auch in „einfachsten“ Situationen bekam. Ich ließ mich im April 2001 untersuchen und man stellte fest, dass ich ein kerngesundes Herz habe. Daraufhin habe ich im Internet in Suchmaschinen gesucht und bin irgendwann auf die Erythrophobieseite von Carsten geraten. Im Forum stellte ich fest, dass ich eine Nervenkrankheit habe. Auch las ich von der Möglichkeit, eine OP machen zu lassen. Das klang für mich sofort interessant. Allerdings war es für mich als Sportler auch klar, dass das nur nach meiner Saison, also frühestens September, stattfinden kann. Ende Juni fasste ich mir ein Herz und rief sehr aufgeregt bei Dr.Tarfusser in Meran an. Er war sehr beschäftigt und sagte mir, ich solle später noch mal anrufen. Das tat ich und er nahm sich die Zeit, um auf meine Probleme einzugehen. Für mich war es das erste Mal in meinem Leben, dass ich jemandem offen erzählt habe, was ich für ein Problem habe. Er erzählt mir ein wenig über die OP, Risiken und Kosten und ich sagte ihm, dass ich es probieren möchte. Er schlug Anfang September vor und ich war sofort begeistert. Wir einigten uns auf den 6.9. und er teilte mir mit, dass ich Blutbild und EKG mitnehmen müsse.

2 Wochen vor dem Termin begab ich mich dann zum Arzt (wo ich noch nie war) und sagte Ihnen, ich bräuchte EKG und Blutbild. Auf die Frage hin, ob eine OP anstehe, sagte ich: „Nein, ich bin in eine Auswahl berufen worden und die brauchen das als Sicherheit.“ – Tja, mir fällt schon immer was ein... Naja, das hat mir dort jeder abgenommen und so kam ich an die geforderten Sachen.

Abfahrt am 5.9.

Am 5.9. schaute ich nachmittags im Internet noch nach einem Stadtplan für Meran, fand allerdings nur nen Ausschnitt. Außerdem wollte ich noch ein Zimmer reservieren, aber bei den beiden Hotels, bei denen ich’s probierte, war schon alles voll. Um 17 Uhr machte ich mich auf den Weg in den Süden. Leider kam ich nicht so schnell vorwärts wie erwünscht, sodass ich erst um 23 Uhr in Meran ankam.

Meran

Ich stellte schnell fest, dass es in Meran einige Einbahnstrassen gibt und machte mich erst mal auf die Suche nach der Via Cavour, wo die Klinik ist. Dort angekommen fragte ich in einem noblen Hotel, ob sie noch was frei haben und auch da war alles voll. Ich sah mich schon in meinem Auto übernachten. Doch dann folgte ich noch einem Park Hotel Mignon Schild und da saß der Page auf der Terrasse und meinte, für 150.000 Lire kann ich ein Einzelzimmer haben. Ok, is nicht billig, aber besser als der Kofferraum. Ich begab mich zur Rezeption und wurde noch mal so richtig rot, als wir uns über Konditionen unterhielten. Auf dem Zimmer hab ich mich erst noch mal geduscht und starke Nervosität kann ich nicht leugnen. Irgendwie dachte ich auch, als ich im Bett lag, so gegen 0 Uhr, ob ich nicht einfach wieder heimfahren sollte. Dann passiert mir nichts....

Um halb 8 ging der Wecker, ich bezahlte (in DM) und begab mich in die Privatklinik St.Anna ca. 500 Meter weiter.

Die Klinik

Als ich durch die Eingangstüre ging, war ich ziemlich überrascht, wie groß die Klinik doch ist. Ich war noch nie in einer Privatklinik und dachte irgendwie eher, dass es sich um ein Haus mit ca. 4 Betten handelt. Aber schon an der Rezeption gab es einen Stau, allerdings bekam ich so gleich mit, dass hier alle deutsch reden, das beruhigte schon mal. Die Damen an der Rezeption sind sehr nett und ich wurde gleich in den ersten Stock geleitet. Dort fragte ich wieder nach Dr.Tarfusser und die Oberschwester gab mir ein Formular, auf das ich meinen Namen schreiben musste. Dann wurde ich in mein Zimmer geführt und da saß mein Vorgänger noch. Etwas fertig zwar, aber doch angenehm blass im Gesicht. Wir unterhielten uns kurz und er sagte, dass es gar nicht schlimm war, er habe schon geduscht und werde nun mit dem Auto nach Deutschland heimfahren. Dann musste ich noch mal in den Gang, weil mein Zimmergenosse vor mir dran war. Ich wartete kurz, dann kam ein kleinerer freundlicher Mann auf mich zu und stellte sich als Dr.Tarfusser vor. Wir gingen in ein Zimmer und er sagte, ich soll ihm noch mal alles erzählen. Ich legte los und es dauerte ca. 1 Minute, dann kam ein Errötungsanfall. Er konnte so gleich sehen, wo und wie es bei mir ist (-> wie praktisch;)). Wir haben uns ca. 1 Stunde unterhalten, er ist sehr nett, freundlich und auch sehr humorvoll. Ich hatte Bedenken, weil mein Ruhepuls mit 45 eh schon sehr gering ist (Sportler), und ich befürchtete, dass er noch mal um 5-6 Schläge fallen würde. Da schmunzelte er nur und sagte, dass die Verringerung des Pulsschlages keinesfalls auf den Ruhepuls bezogen ist, sondern eher auf den Puls in Stressmomenten. Die Frage, die sich am Ende stellte, war: Klammern oder Cutten? Fürs Cutten sprach, dass ich keine Klammern in meinem Körper habe und dass der Eingriff mit einem Schnitt auf jeder Seite geringer ist. Fürs Klammern, das mir Dr. Tarfusser auch empfahl, sprach, dass das kompensatorische Schwitzen bei manchem Sportler ziemlich stark auftreten kann. Ich entschied mich nach langem Überlegen fürs Klammern, weil es der sichere Weg ist. Dann begab ich mich wieder auf mein Zimmer, zog mich aus und harrte der Dinge, es war halb 10. Die OP meines Nachbarn dauerte unerwartet länger bis halb 12. Er wurde am Knöchel operiert.

Die Operation

Um kurz nach halb 12 kam Dr. Friedrich zu mir und wir füllten den Aufklärungsbogen aus. Für mich Routine nach 2 Op’s in den letzten 12 Monaten. Dann wurde ich in den OP Vorsaal geschoben und die Nervosität stieg. Ich musste dort noch ca. 5 Minuten warten und dann durfte ich aufstehen und in den OP Saal marschieren. Dort wurden mir dann am Rücken Kontakte angelegt und die Arme in 90% Winkel vom Körper weggestreckt auf jeweils ein Polster gelegt. Ich hörte dann irgendwann meinen Puls, der war sogar bei 50 ziemlich ruhig, aber ich musste mich gehörig zusammenreißen, um nicht am ganzen Körper zu zittern. Dann wurde endlich die Infusion gelegt und ich merkte dann auch, wie mir schwindlig wird, ich machte die Augen zu und dachte mir noch ganz kurz: Bitte, ich will in einem neuen Leben aufwachen!!!!!

Dann wurde ich wieder aufgeweckt, ich war noch im OP, alles war vorbei. Ich wurde in mein Zimmer geschoben, dort musste ich in mein Bett steigen und da lag ich wieder.

Nach der Operation

Die Brust schmerzte ziemlich, mein rechter Daumen war pelzig und die Hände sehr trocken, das war alles, was ich noch beurteilen konnte. Wenig später kam dann Dr.Tarfusser und teilte mir mit, dass alles nach Plan verlaufen sei, die Anatomie sehr gut war und er dadurch keine Probleme hatte, die Klammern zu setzen. Ich war nicht sehr gesprächig, zu sehr war ich k.o.. Die Frage nach Schmerzmitteln verneinte ich immer, weil ich immer das Gefühl habe, dass Schmerzmittel die Heilung ein wenig verlangsamen, außerdem war es ja auch auszuhalten. So gegen 17 Uhr wachte ich wieder auf und dachte mir: Bei den Schmerzen kann ich morgen unmöglich heimfahren, ich muss mir ein Zimmer nehmen. Dann kam eine Schwester rein und sagte mir, dass ich zum röntgen muss. Hier wird geschaut, ob noch Gas in der Brust ist, dass zur OP eingeführt wird. Ich setzte mich in einen Rollstuhl und sie schob mich runter zum Röntgenarzt. Ich musste kurz aufstehen und merkte schon, dass mir mal wieder schlecht wird. Dafür bin ich Spezialist, beim Blutabnehmen oder bei Spritzen lege ich mich hin und wieder unfreiwillig hin. Das Röntgen dauerte nur ganz kurz, ich setzte mich wieder in den Stuhl und dann war mir sehr schlecht. Die Schwester, die mich runtergeschoben hat, hat mich angesehen und hat gleich gesagt: Du bist ganz bleich, ist Dir schlecht? Dann fragten sie mich, ob mir auch übel ist, aber das war es mir nicht. Daraufhin schob sie mich wieder hoch und ich war sooo froh, als ich wieder in meinem Bett lag. Blutdruck war im Keller, aber schon 15 Minuten später ging es mir wieder so wie vorher. So gegen 18:30 kam das Essen, das war ziemlich unangenehm, das Sitzen. Ich schlang alles runter und ging aufs Klo. Als ich mich im Spiegel sah, gefiel ich mir sehr. Überhaupt keine Röte im Gesicht, nur ein braungebranntes zufriedenes Lächeln. Die Nacht war sehr lang, ich wachte immer wieder auf und wusste nicht, wie ich mich hinlegen sollte. Ich lag meistens auf der rechten Seite, das ging am besten. Drehte ich mich nach links, so fing mein ganzes Herz an, zu blubbern (ich denke, das lag an dem Gas in meiner Brust) und es war sehr unangenehm. Ab halb 5 lag ich dann wach, um 6 musste ich Fiebermessen. Gegen 7 Uhr kam Dr.Friedrich, hat sich nur kurz erkundigt und um 8 kam Dr.Tarfusser und wir haben uns noch ein wenig unterhalten. Er hat mir erklärt, dass der pelzige Daumen vermutlich von der Lage bei der OP kommen kann und sicher wieder weggeht, da war vielleicht ein Nerv ein wenig eingeklemmt. Er sagte, in 1-2 Wochen kann ich wieder Sport machen, die Pflaster sollten auch noch 1 Woche draufbleiben und duschen sei kein Problem. Außerdem wollte er, dass ich ihn in 2-3 Wochen mal kontaktiere, wie es mir geht. Er gab mir noch 2 Schmerztabletten und  ich verabschiedete mich von ihm mit den Worten: „Schön, dass es sie gibt“, er grinst und sagt: „Der Spuk hat jetzt ein Ende.“

Die Abfahrt

Ich putzte mir die Zähne, machte mich ein wenig frisch und begab mich mit meinen Sachen zur Rezeption. Während ich bezahlte (5610 DM) kam schon der nächste Ery zur Türe rein. Ein junger Bursche (ca. 16 Jahre), und er wurde sofort knallrot. Ich habe kurz daran gedacht, was zu sagen, aber dann hab ich an mich denken müssen, als ich vor 24 Stunden dort stand, nervös und zittrig und habe beschlossen, ruhig zu sein. Ich stieg in mein Auto und es war gar nicht so schlimm wie befürchtet. Die trockenen Hände waren ein wenig ungewohnt, aber so nach 2 Stunden hatte ich mich daran gewohnt und konnte auch schon wieder locker mit einer Hand lenken (Der Mensch ist ein Gewohnheitstier). Den ersten Halt machte ich bei einer Tankstelle und beim Gehen zur Kasse kam ich so außer Atem, dass mir bewusst wurde, dass der Eingriff doch nicht so ohne war.

Die Wunden sind winzig, jetzt, 4 Tage danach, sieht man so gut wie gar nichts mehr, das ist alles von innen vernäht, die Fäden lösen sich von selber auf. Die Brustschmerzen waren schon am 2.Tag nach der OP wieder erträglich und ich spüre sie nur noch, wenn ich mich ein wenig anstrenge.

Das Leben danach

Ich habe jetzt seit 3 Tagen immer wieder mal die eine oder andere Situation ausprobiert und ich muss sagen: Es ist soooo schön, einfach wieder man selbst zu sein. Keine peinliche Situationen mehr, selbstbewusstes Auftreten. Es macht einfach wieder richtig Spaß, zu leben. Ich kann nur hoffen, dass das mein restliches Leben lang so bleibt. Auf alle Fälle weiß ich es jetzt zu schätzen, wie gut es einem geht, wenn man nicht so extreme Probleme mit sich und seinem Körper hat. Für mich waren die vergangenen 3 Tage allein schon das Geld und die Schmerzen wert, so will ich weiterleben und nicht anders. Ich wünsche allen, die an der Krankheit Erythrophobie leiden, dass auch sie eines Tages den Situationen, die vor kurzem noch der Horror waren, gelassen und vor allem COOL entgegensehen können!!!!


Martin