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bericht jaru57
"leidensgeschichte"

 

 

geschrieben von Jaru57 am 09.September 2003

hallo!

im gegensatz zu anderen chats ist es hier leider immer ziemlich ruhig.
warum? ich bin glücklich, seit mai 03 diese seiten gefunden zu haben,
danke an carsten.

meine leidensgeschichte fing schon in frühester kindheit an, heute bin
ich 57 jahre und witwer.

habe meinen vater nie kennengelernt, er fiel leider im krieg. meine
mutter wurde auf druck der verwandtschaft schon sehr früh in eine
psychiatrische anstalt gesteckt, sicherlich hat sie den tod meines
vaters nicht verkraftet. geholfen hat ihr aber niemand. so kam mein
bruder und ich mit sieben jahren zu onkel, tante und oma. die tante
war die schwester meines vaters, der onkel der bruder meiner mutter.
die oma war die mutter meiner tante. so haben wir lange zu fünft in
einer kleinen wohnung gelebt. da meine mutter nicht sehr beliebt war
seitens tante und oma, hatte ich es sehr schwer, weil ich ihrer meinung
wie meine mutter aussah und mein bruder wie meine vater. ich mußte
jeden mist zu hause machen, mein bruder war immer spielen und ich
durfte zuhause bleiben. mußte die güllegruben entleeren, zum 1 km
entfernten land bringen und leeren. während ich zu hause bleiben und
arbeiten mußte, durfte er immer auf achse gehen. freunde durfte ich
auch nicht einladen. spielte im hof immer allein mit einem kleinen
ball oder im zimmer tip kick. nach und nach wurde ich immer unsicherer
und ängstlich. prügel gab es auch oft genug. z.b. als ich doch mal auf
der straße mit kindern fußball spielte und meine tante ertappte mich
dabei, dann gab es richtig derbe prügel. danach habe ich meistens
immer heimlich gespielt, aber durch die anstrengungen war mein gesicht
rot und ich schwitzte schlimm. damit tante das nicht sah, führte ich
ständig speichel zum kühlen auf mein gesicht, vor angst, daß sie mein
rotwerden nicht sah, weil ich ja wieder verbotenerweise fußball gespielt
hatte. vielleicht waren das schon die vorboten zu meiner ery, also nie
rotwerden, damit andere das nicht sehen. oder ein anderer fall. in der
pubertät haben wir schon mal das eine oder andere ausprobiert, das
ist doch normal. als mich meine oma auf der toilette damit erwischte,
sagte sie es meiner tante. anstatt sich hinzusetzen und vernünftig
darüber zu diskutieren, sagte sie mir, wenn das noch einmal vorkommt,
fahren wir zum krankenhaus und lassen ihn dir abnehmen. was waren das
für sprüche. lebte nur in angst und schrecken und hatte vor alles und
allem angst. so kann man mit kindern doch nicht verfahren. mit 17 jahren
wurde ich zum 1. mal rot, als mir der chef zur bestandenen kaufmanns-
gehilfenprüfung gratulierte. aber das war mehr aus freude und trotzdem
habe ich es mir gemerkt und von da an wurde es immer schlimmer. wenn
ich von der arbeit nach hause kam und mir begegnete ein mädchen, dann
wurde ich rot, weil ich auch sah, dass onkel und tante, wie jeden tag,
über dem gartentor hingen und mich dann auch schon mit den worten
empfingen, bist ja ganz schön rot geworden. das konnten sie, aber keine
aufmunterung oder kraft haben sie mir gegeben. als ich mit 18 jahren
dann das erste mal in die tanzkneipe ging, die nur 200 meter von uns
entfernt war, schaute ich erst raus, ob vielleicht ein nachbar draußen
stand, mit dem ich evtl. reden mußte, hätte ja rot werden können. in
der kneipe habe ich mir erst ein paar bier gekippt, dann ging es besser.
so habe ich dort auch meine frau kennengelernt, wer weiß, vielleicht
wäre es mir anders nicht gelungen. habe auch später die besuche bei
der verwandtschaft sehr eingegrenzt, nur wenn es sein mußte. das tut
mir im nachhinein noch sehr leid für meine frau. auch mit meiner sehr
verständnis habenden frau habe ich nie über mein problem gesprochen.
ob sie hin und wieder was gemerkt hat, weiß ich bis heute nicht. habe
jedenfalls immer geschickt versucht, wie erys es halt machen, vieles
zu umgehen. nach dem tod meiner frau habe ich einen psycholgen
aufgesucht, konnte dieses ja meiner verwandtschaft durch den tod
meiner frau erklären. hatte damit natürlich zu tun, doch im weitesten
sinne ging es um meine ery. hatte ca. 50 sitzungen, aber gebracht hat
es leider nicht viel. hatte ihm auch diese geschichte erzählt, er meinte
daß ich vergangenes vergessen sollte und nach vorne schauen, aber
wie? ich sollte jetzt überall dorthin gehen, wo es ,,weh tut,,. teilweise
habe ich es getan, aber aus angst auch vieles umschifft. heute kommen
so gut wie keine leute zu mir, ist auch verständlich, weil ich aus angst
kaum kontakt suche, obwohl ich ganz gerne mit menschen zusammen
bin. es wär tausenmal schöner wenn ich eryfrei wäre, dann würde ich
überall hingehen. darum habe ich die hoffnung nicht aufgegeben, mit
einem menschen von ,,uns,, zu korrespondieren oder zu treffen. das
würde mir und vielleicht auch anderen menschen helfen. möglicherweise
werden wir dann sicherer anderen menschen gegenüber. glaubt mir,
wenn ihr angst vor mir habt, wegen erröten etc., so ist meine angst mit
sicherheit genauso groß wenn nicht noch schlimmer.
wenn irgend jemand sich mit mir austauschen will, so kann er mich
über icq nr. 258041888 erreichen.

entschuldigt, aber ich mußte mir dieses einmal von der seele schreiben.

lg eg./jaru57