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bericht
dr. a. l. gerlach

 

 

übersetzt von Tomato am 16. September 2002

Blushing: "When a Common Reaction Becomes a Problem"

Author: Alexander L. Gerlach
Published on: April 30. 2001

Übersetzung

Erröten: "Wenn eine normale Reaktion zum Problem wird"

´Als jemand, der sein ganzes Leben mit dem "Rote-Wangen"-Syndrom geschlagen war, dachte
ich, dass einige von Ihnen etwas anfangen könnten mit diesem Artikel.. Obwohl ich immer noch
zum Erröten neige, habe ich indes gelernt, diese Eigenschaft als Teil meiner selbst zu akzeptieren.

Ob Sie erröten, stottern oder übermäßig schwitzen: Sie können lernen, diese sichtbaren Zeichen
der Angst zu beherrschen, wenn Sie aufhören, sich deswegen zu geißeln, was das Ganze nur
verschlimmert. Jeden Teil von sich zu akzeptieren ist der Schlüssel zu wachsendem
Selbstbewusstsein. Jeder Hang zur Selbstverachtung beinhaltet auch immer eine gleichzeitige
positive Qualität. Erröten ist gewöhnlich verbunden mit erhöhter Sensibilität, was Ausgangspunkt
eines aufrichtigen, fürsorglichen, sozial bewussten und liebenden menschlichen Wesens ist.´

Irene Sleight

Eine Anwältin gibt ihre Kanzlei auf, aus Angst vor dem Erröten bei Gericht. Ein leitender
Angestellter ist unfähig, Versammlungen zu leiten und zerstört seine Karriere. Ein Verkäufer
fürchtet, ein größeres Geschäft einzubüßen, weil er der Annahme ist, der Kunde interpretiert
sein Erröten als Zeichen seiner Unehrlichkeit und seines schlechten Gewissens. Eine Studentin
meidet Versammlungen, in denen sie zum Mittelpunkt des Interesses werden könnte, weil die
Angst vor unmittelbarem Erröten zu stressig geworden ist.

Wenn man diese Menschen nach den Gründen für ihre Entscheidungen fragt, so geben sie an, dass
Sie besorgt seien, infolge ihres Errötens negativ beurteilt zu werden. Sie glauben, dass Erröten in
den meisten Fällen als Zeichen der Schwäche, der Unehrlichkeit, von Unreife etc. interpretiert
wird. Desweiteren fühlen sie, dass sie durch die Sichtbarkeit des Errötens sozial nicht positiv in
Erscheinung treten können. Im Gegensatz dazu können Menschen, die soziale Begegnungen als
angenehm empfinden, Erröten auch als Zeichen von Nervosität oder von Scham ansehen, aber sie
sagen auch, dass Erröten Sensibilität vermittelt, eine Person hübsch erscheinen lässt oder einfach
ein Ausdruck von Energie sei. Ein seltsamer Nebeneffekt der Errötungsangst ist, dass die Angst
selbst die Aktivitäten des autonomen Nervensystems erhöhen kann und damit eben die Wahr-
scheinlichkeit des Errötens. Je mehr Angst Sie davor haben, vor einer wichtigen Person zu
erröten, desto wahrscheinlicher ist, dass ein Kompliment gerade dieser Person ihr Gesicht knallrot
werden lässt. Charles Darwin hat in seinem Buch "The Expression of the Emotions in Man and
Animals" das Erröten als die "eigentümlichste und menschlichste aller Ausdrucksformen"
bezeichnet. Fast jeder von uns ist schon irgendwann einmal errötet. Man errötet meistens, wenn
man plötzlich Verlegenheit spürt, vielleicht weil man einen Drink verschüttet hat oder vergessen
hat, den Reißverschluß zuzumachen. Auf der anderen Seite kann Erröten auch ohne Verlegen-
heitssituation passieren, und manche Menschen können sich schrecklich verlegen fühlen, ohne
jedoch zu erröten. Für einige Menschen ist das Erröten jedoch zum zentralen Punkt ihrer
Verlegenheit geworden.

Physiologisch gesehen ist das Erröten eine harmlose Reaktion, obgleich es in Kombination mit
gewissen Hauterkrankungen schmerzhaften Juckreiz auslösen kann.
Erröten wird jedoch zum psychologischen Problem, wenn häufiges Erröten soziale Phobien
verursacht. Menschen mit Errötungsängsten erfahren das Rotwerden als außerordentlich stressig
und angstauslösend. Aus Angst vor dem Erröten vermeiden sie soziale Situationen und sind
entschlossen, ernsthafte negative Folgen der Vermeidungsstrategien in Kauf zu nehmen. Andere
wiederum empfinden heftiges Unwohlsein in normalerweise angenehmen Lebenssituationen.

Was bedeutet Erröten?

Physiologisch betrachtet resultiert Erröten aus vermehrtem Oberflächenvolumen des Blutes im
Gesicht: Blutgefässe der Haut dehnen sich aus und rote Blutzellen färben die Haut rot. Der Haut-
bereich, der rot werden kann, ist gewöhnlich auf Gesicht, Ohren und Nacken beschränkt, kann in
seltenen Fällen aber den gesamten Oberkörper erfassen. Diese Ausdehnung der Blutgefässe ist
nicht dem Willen unterworfen, und es ist nicht klar, welche Mechanismen dafür verantwortlich
sind. Pharmakologische Experimente haben jedoch gezeigt, dass Erröten die Beta-Adrenozeptoren
einschließt. Diese werden aktiviert, wenn das autonome Nervensystem emotionale Erregung
signalisiert. Somit kann Stress die Aktivitäten im autonomen Nervensystem erhöhen.

Die Babyhaut kann rot werden, wenn das Baby geboren wird. Dieser Effekt ist sehr wichtig, da
die Blutgefässe in der Haut wichtig für den Wärmeausgleich sind. Das Erröten beginnt mit dem
3. Lebensjahr, dem Alter, in dem wir gewahr werden, dass uns andere beobachten. Die meisten
Menschen können sich aber nicht an das Rotwerden vor dem 5. Lebensjahr erinnern. Normalerweise
erreicht die Intensität und Häufigkeit des Errötens ihren Höhepunkt im Teenageralter und nimmt mit
zunehmenden Alter ab. Es können aber auch noch sehr alte Menschen erröten, und die Häufigkeit
des Errötens variiert außerordentlich.

Häufiges Erröten

Einige Menschen erröten häufig, in äußerst unterschiedlichen Situationen. Selbst einem Freund
im Supermarkt zu begegnen kann das Erröten auslösen. Man sollte also herausfinden, warum 
einige Menschen häufiger erröten als andere. Eine Erklärung suggeriert, dass hellhäutige Menschen
schneller erröten als dunkelhäutige. Wie eine jüngere Studie an der University of California, Davis,
aber zeigt, erklärt die Färbung hellerer Haut jedoch nur Unterschiede in der Sichtbarkeit des
Errötens, und nicht Unterschiede im Erscheinungsbild des Phänomens selbst. Menschen aller
Hautfarben berichten über ihr Erröten. Desweiteren demonstrierte ein australischer Forscher, dass
Unterschiede in der Dichte von Alpha- oder Beta-Adrenozeptoren in den Blutgefäßen des Gesichts
Unterschiede in der Neigung zum Erröten nicht erklären können. Es ist somit wahrscheinlich, dass
psychologische, nicht physiologische Unterschiede beim Schamgefühl und der Fähigkeit, Verlegen-
heitsgefühle zu empfinden, die bestimmenden Faktoren sind.

Behandlung

Die Hauptproblemfelder für Menschen mit Errötungsängsten sind das Erröten selbst, das Vermeiden
von Situationen wegen antizipiertem Erröten und negative Empfindungen darüber, wie das Rot-
werden von anderen gesehen wird. Diverse Behandlungsmethoden sind auf die einzelnen Bereiche
fokussiert. Eine Reduzierung des Errötens durch Bio-Feedback war wenig erfolgreich. Verschiedene
Möglichkeiten pharmakologischer Behandlung wurden vorgeschlagen. Meist werden angstreduzie-
rende Medikamente verschrieben. Auch Beta-Blocker werden vorgeschlagen. Diese Medikamente
zeigten jedoch wenig Wirkung im Fall chronischen Errötens. In jüngerer Zeit wurde Sympathectomie
empfohlen. Dabei werden die Nerven der Blutgefäße durch operativen Eingriff durchtrennt, die
für das Erröten verantwortlich gemacht werden. Obwohl Berichte vorliegen, dass dieser Eingriff
erfolgreich die Häufigkeit des Rotwerdens reduziert, erscheint er drastisch und in die falsche
Richtung gehend, weil keine anatomischen Unterschiede zwischen häufigem und weniger häufigem
Erröten gemacht werden.

Kognitiv-verhaltenstherapeutische Studien haben sich als sehr effektiv in der Reduzierung von
Stress- und Angstfaktoren erwiesen, wie auch selbst für das chronische Erröten. Die Behandlung
umfasst die Korrektur negativer Einschätzung, wie andere das Erröten wahrnehmen und wie
sichtbar das eigene Erröten tatsächlich ist und unterstützt die Konfrontation mit Angstsituationen.
Patienten lernen, sich auf die sozialen Situationen selbst zu konzentrieren und das Erröten
zuzulassen. Ist die Angst erst einmal reduziert, wird das Erröten entsprechend weniger auftreten.

Obwohl das Rotwerden für viele von uns harmlos erscheint, kann die Angst davor für bestimmte
Menschen ernsthafte Folgen haben. Erschwerend kommt hinzu, dass unter Errötungsangst leidende
Menschen Angst haben, ihr Problem überhaupt anzusprechen. Sie fürchten, dass schon die Tat-
sache, Angst in bestimmten Situationen zu empfinden, die andere kaum berühren, schon an sich
peinlich ist. Unglücklicherweise sind jene Menschen, die eine effektive und auch verfügbare
Behandlung am dringendsten benötigen, oft die, die am wenigsten danach fragen.

Hr.Dr. Gerlach ist Wissenschaftler an der Fakultät für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften
an der Stanford Universität für Medizin.