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"darüber reden und lachen"
von "crimson"

 

 

geschickt von Crimson am 03. Juni 2003
 

Hallo Leute!

Ich habe diese Seite erst vor kurzem entdeckt und bin ganz begeistert!

Mein Erfahrungsbericht lautet wie folgt:

Ich bin 23 Jahre alt, und vor ca. zweieinhalb Jahren fing ich an, rot zu werden. Erst nur in der Uni, wenn ich im Seminar etwas sagte. Dann begann ich auch in anderen Situationen zu erroeten, etwa, wenn mir etwas peinlich war, oder wenn ich mit Unbekannten sprach. Schliesslich wurde ich auch vor Freunden rot, auch wenn ich gar nichts Peinliches gesagt hatte. Tja, Ihr kennt das ja bestimmt. Man sitzt da, unterhaelt sich, und ploetzlich taucht der Gedanke ans Rotwerden auf, und waehrend man noch versucht, ihn zu verdraengen, geht es auch schon los. Und der Gegenueber guckt erstaunt.

Sogar im Supermarkt an der Kasse zu stehen wurde sehr schnell zu einer extremen Stresssituation, denn spaetestens wenn ich anfing, meine Sachen aufs Band zu legen, ging es los: Herzklopfen, feuchte Haende und natuerlich der obligatorische rote Kopf. Oder wenn ich in den Bus einstieg und wusste, dass man mich anschaute.

Komischerweise wurde ich im (Halb-)Dunkeln nie rot. Deshalb hatte ich auch nie ein Problem damit, abends wegzugehen und mich mit Leuten zu unterhalten. Nur tagsueber war es schrecklich. Oft habe ich es vorgezogen, etwa einen Bekannten, der mir zufaellig entgegenkam, lieber zu ignorieren, als mit demjenigen zu reden und unweigerlich rot zu werden.

Nun ja. Doch weil ich das Ganze selber so laecherlich fand, und mir auch bewusst war, dass ich mich in einen Teufelskreis hineinsteigerte (Angst vor dem Erroeten und daher erst recht rot werden), begann ich, meinen Freunden davon zu erzaehlen. Und bald auch meinen Bekannten. Und wenn ich jemanden kennenlernte, von dem ich wusste, ich koennte ihm mal wieder ueber den Weg laufen, bekam schliesslich auch derjenige mein Problem um die Ohren geklatscht. Natuerlich konnten die wenigsten Leute mein Problem nachvollziehen, aber die Reaktionen waren trotzdem immer positiv.

Hilfreich war es auch fuer mich, selber darueber zu lachen. Denn, wie gesagt, ich war mir der Laecherlichkeit der ganzen Sache - rot zu werden, ohne dass es einen Anlass dazu gibt, und sich dann auch noch davon verrueckt machen lassen - durchaus im Klaren. Ich habe bewusst versucht, meinen "Tick" nicht so ernst zu nehmen, und mir vor allem nicht jegliche Lebensqualitaet nehmen zu lassen. Und dadurch, dass ich mit vielen Leuten ueber mein Problem redete, erfuhr ich auch, dass ich nicht die Einzige war, der es so ging.

Die lustigste Erfahrung in diesem Zusammenhang ist wohl die, dass ich in einer Zeit, wo mein Rotwerden ganz schlimm war, mit einer neuen Mitbewohnerin zusammenzog. Und siehe da, sie hatte das gleiche Problem, und so wurden wir oft beide gleichzeitig rot, wenn wir miteinander redeten. Darueber konnten wir dann nur noch lachen.

Und auch, als ich eine Verabredung mit einem jungen Mann hatte, lautete mein zweiter Satz : "Ich werde uebrigens immer rot." Klar war sowas immer etwas peinlich, aber das war fuer mich nunmal der beste Weg. Denn so wussten die Leute Bescheid, und wenn ich dann tatsaechlich rot anlief, war es nicht mehr ganz so unangenehm, sondern eher eine Art Beweis fuer meine vorherige Warnung.

Auch als ich fuer einige Wochen ins Ausland ging, erzaehlte ich der Familie, bei der ich wohnte, sofort von meinem Problem. Und ich wurde dann auch wirklich Abend fuer Abend am Abendbrottisch knallrot, kaum dass alle sich hingesetzt hatten. Wir nahmen das schnell nur noch als Anlass zum Lachen.

 

Und wie sieht es heute aus?

Ich bin seit einem Jahr wieder im Ausland, und kaum dass ich letztes Jahr aus dem Flugzeug stieg, war es mit dem Rotwerden so gut wie vorbei. Vielleicht liegt es daran, dass ich hier zu Beginn so sehr mit meiner neuen Umgebung beschaeftigt war, dass ich gar nicht mehr dazu kam, ans Rotwerden zu denken. Allerdings gehe ich bald wieder nach Deutschland zurueck, und wie es dann wird, weiss ich nicht. Aber allzu grosse Sorgen mache ich mir eigentlich nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir selbst die Gesichtsfarbe anderer Leute nicht besonders schnell auffaellt. Warum sollten andere Leute also auf meine achten? Und wenn ich ab und an sehe, dass jemand rot wird, finde ich das eher sympathisch, da ich das Problem doch selber zu gut kenne. Und sollte ich in meiner Heimat doch wieder rotwerden, was soll's, dann muss ich es eben wieder allen unter die Nase reiben.

Vielleicht ist das die Moral meiner Geschichte: Darueber reden, auch wenn man sich bloed vorkommt, ist viel besser, als in ewiger Angst und Verlegenheit zu leben. Und das Ganze nicht so ernst nehmen. Die Kassiererinen im Supermarkt haben schon ganz andere Dinge gesehen als ein rotes Gesicht.

Viele Gruesse!

Crimson