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bericht jutta
citalopram

 

 

geschrieben von Jutta am 23. Januar 2003

Ihr Lieben,
nachdem ich mich bestimmt ein halbes Jahr extrem zurückgehalten habe, möchte ich gerne meine Erfolgserlebnisse mit Euch teilen und damit vielleicht ein bißchen Mut machen:
Ich habe- für alle die, die mich verständlicherweise etwas aus dem Auge verloren haben- seit ungefähr 12 Jahren ERy, bin mittlerweile 24 und hatte extrem harte Zeiten. Ihr kennt das alle, Therapie, Ruboril, SchminkeSchminkeSchminke...
Letztes Jahr im Mai hab ich mich endgültig gegen die ETS entschieden und zugleich meine Therapie abgebrochen. Seitdem nehme ich Citalopram, hat mein Neurologe verschrieben, der übrigens echt nett war und zumindest mit Sozialphobie Erfahrung hat. Ich nehme seitdem 20 mg pro Tag, was noch relativ niedrig dosiert ist ( mein Arzt hat auch Patienten, die 80 mg am Tag nehmen). Er hat mich von vornherein darauf vorbereitet, dass sich nicht mein ganzes Leben ändern werde und ich nicht eines Morgens aufwachen werde und mich wie Batman fühle. Die Wirkung setzt erst nach ca. 3 Wochen einen ( ich hatte mich vorher bei Euch über Zoloft informiert, was ja auch ein Serotoninwiederaufnahmehemmer ist, bei dem aber einige meinten, die Wirkung würde innerhalb dieser Zeit wieder nachlassen bis sie ganz verschwindet). Also, der Verbesserungsprozeß hat relativ langsam eingesetzt, aber mit dem entsprechenden Leidensdruck nimmt man das ja gerne in Kauf. Jedenfalls habe ich tapfer die Pillen geschluckt. Nebenwirkungen hatte ich keine großen, eigentlich wird man davon nur sexuell etwas inaktiv, hat sich aber auch wieder gelegt.
Irgendwann hab ich dann nicht mehr so genau verfolgt, welche Auswirkungen das Medikament auf mich hat und habe mich- man höre und staune- ein paar Wochen weniger um meine Phobie gekümmert. Und eines Tages, vor nunmehr auch schon ein paar Monaten, habe ich festgestellt, dass es mir wirklich seh, sehr viel besser wird. Ich bin zumindest innerlich sehr viel ruhiger, denke selten an Ery, kann in der Mensa essen, tagsüber in helle Cafes gehen, habe Leute unvermittelt auf der Straße getroffen, ohne daß es mich in Panik versetzt hätte. Und die resonanz der Eingeweihten (meine familiy und ein paar enge freunde- ich rate übrigens wirklich jedem, guten Freunden davon zu erzählen, weil man nicht ständig in Erklärungsnotstand ist, waruk dies und das jetzt "doof" ist, oder man plötzlich keine Lust hat oder,...)war entsprechend: Jutta, du wirst ja echt mal gar nicht mehr rot!-??? echt??? das zu hören ist ein fettes Kompliment für mich.
Die Behandlung mit Citalopram ist- glücklicherweise- langfristig, sie ist auf 5 Jahre angesetzt. Wenn man danach rückfällig wird, setzt man sie lebenslänglich fort. Aber, da hat mein Arzt ein wahres Wort gesprochen, ob man nun von einem Medikament ohne echte Nebenwirkungen oder von einem Therapeuten ohne echte Erfolgserlebnisse abhängig ist, ist eigentlich egal. Mit ersterem ist man zudem mobiler ;-)
Ich bin momentan in Frankreich zum Studium- neue Umgebung, fremde Sprache, die mich am Anfang echt gefordert hat- also eine echte Herausforderung, selbst für Nicht- ERys. Aber es klappt alles sehr gut, und ich weiß, daß das nicht zuletzt an Citalopram liegt.
allein das Gefühl der inneren Ausgeglichenheit und Selbstsicherheit hilft mir immens, denn erstens werde ich schon gar nicht mehr so viel rot ( das fiese Gefühl "ich-weiß-nicht-warum-aber-gleich-werde-ich-rot-ich-muß-wohl-mal-in-meiner-Tasche-Wühlen-für-die-nächsten-12-Minuten" habe ich eigentlich gar nicht mehr) und zweitens kann ich, wenn es dann doch mal soweit ist, viel besser damit umgehen.
Ich wünsche Euch allen viel Glück!
Alles Liebe aus Frankreich,
 
Eure
Jutta