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bericht christine
arzt: dr. tarfusser ( meran )

 

 

geschrieben von Christine am 05. November 2005
 

Anamnese:

Ich bin schon in meiner Kindheit schnell und stark errötet, habe aber eigentlich auch während der Schulzeit kaum darunter gelitten. Die Angst vor dem Erröten kam erst während der Studienzeit, und damit hat sich das ganze dann verschlimmert und sozusagen “verselbständigt“. Zu Beginn trat die Angst und das Erröten nur bei Referaten auf, dann weitete es sich zusätzlich auf soziale Kontakte wie Partys oder gemeinsame Nachtessen aus, schliesslich trat es sogar auf, wenn ich Bekannte auf der Strasse traf oder jemand an der Haustüre klingelte. Je öfters ich errötete, desto grösser wurde meine Angst und meine Unsicherheit; ich geriet in einen Teufelskreis, aus dem ich nicht mehr herausfand. Nach meinem Studium habe ich eine Arbeitstelle gefunden und mit einer Weiterbildung begonnen, obwohl ich in beidem täglich diversen Situationen ausgesetzt war, in denen ich errötete. Ich wollte auf jeden Fall verhindern, dass die Erythrophobie mich in meinem Berufsweg einschränkte, es war ein täglicher Kampf, mich von meiner Angst und Anspannung nicht unterkriegen zu lassen. Trotzdem hat mich die Erythrophobie bei der Arbeit deutlich eingeschränkt und eine Entfaltung meiner Fähigkeiten und Kompetenzen verhindert, auch privat habe ich mich zunehmend zurückgezogen. Mein Selbstwertgefühl nahm immer mehr ab, ich hatte das Gefühl, dass mich die Erytrophobie zu einem Menschen machte (still, introvertiert, scheu, unsicher), der nicht ich selbst war, meinem eigentlichen Wesen nicht entsprach. Ich konnte mit niemandem darüber sprechen, nicht einmal meinem Freund konnte ich mich anvertrauen, da ich befürchtete, dass das Erröten ihm gegenüber noch mehr auftreten würde, wenn er von meinem Problem wusste. (Was ich an dieser Stelle noch erwähnen muss: ich bin klinische Psychologin und arbeite in einer psychiatrischen Klinik, mein Beruf besteht also sozusagen aus sozialen Kontakten. Und als Psychologin empfindet man es als doppelt entblössend und beschämend, wenn man selbst dauernd errötet!)

Ich habe so ziemlich alle Möglichkeiten und Tricks versucht, um das Problem zu beseitigen: Medikamente, Körperpsychotherapie, leichte Kleidung, Schminke etc. Ausserdem habe ich diverse verhaltenstherapeutische Techniken ausprobiert, da ich selbst eine Weiterbildung in kognitiver Verhaltenstherapie absolviere. Aber weder Atemkontrolltechnik, noch Entspannungstraining, Reizkonfrontation oder kognitive Umstrukturierung haben das Erröten oder die Angst verringern können. Auch meine Hoffnung, dass es sich mit dem Alter und stabilen Lebensverhältnissen bessert (ich bin nun 30, habe eine feste Anstellung, und eine stabile Partnerschaft), hatte sich zerschlagen. An Tagen mit vielen sozialen Kontakten wurde ich über ein dutzend Mal rot oder war dann so angespannt, dass die Röte stundenlang bestehen blieb.

Vor einem Jahr hatte ich erstmals über der Möglichkeit einer Endoskopischen transthorakalen Sympathikusblockade gelesen, aber der Gedanke an eine Operation hat mich immer abgeschreckt, da ich mich schon vor einer normalen Spritze fürchte. Vor drei Wochen dann war der Leidensdruck und der Wunsch, endlich wieder ein “normales Leben“ führen zu können so gross, dass ich Dr. Tarfüsser anrief. Ich wusste, dass ich nicht so weiterleben wollte und diese letzte Möglichkeit versuchen musste. Nach einem längeren Gespräch erhielt ich einen Operationstermin in 2 Wochen. Die letzten Wochen vor dem Termin war ich zwar sehr nervös und ängstlich, aber zugleich erleichtert, dass ich Hoffnung auf einer Veränderung haben durfte. Meinen Freund habe ich erst in mein Vorhaben eingeweiht, als der Termin schon stand. Er hörte mir lange still zu und sagte dann nur: “Ich finde dein Erröten nicht so schlimm, aber wenn Du so darunter leidest, dann unterstütze ich dich und wir stehen das zusammen durch.“.

Die Operation

Am Mittwoch hat mich mein Freund am frühen Morgen mit dem Auto nach Meran gefahren. Ich habe zwar den ganzen Weg gezittert vor Angst, aber war mir immer ganz sicher, dass ich diese Operation durchführen wollte. Vom Moment an, wo ich Dr.Tarfüsser traf, verschwand meine Angst, ich hatte sofort Vertrauen in ihn, sowohl als Chirurg als auch als Mensch. Im Gespräch war er sehr einfühlsam und ich spürte, dass er nicht einfach einen weiteren Erythrophobie-Patienten vor sich sieht, sondern einen Menschen mit einer individuellen Leidensgeschichte, für die er sich wirklich interessiert. Zwei Stunden später wurde ich operiert. Ich war selbst erstaunt, wie ruhig und tapfer ich mich auf den Operationstisch legte, ich dachte einfach: “Es war der richtige Entscheid und Dr.Tarfüsser wird auf mich aufpassen.“ Dr. Friedrich wünschte mir eine “Gute Reise mit Rückfahrtticket“ und dann war ich schon weg. Ich erwachte auf meinem Zimmer, Dr.Tarfüsser stand vor meinem Bett, mein Freund sass neben mir und streichelte meine Hand. Ich hatte keine Schmerzen, spürte als erstes, dass meine sonst so kalten Hände ganz warm waren, berührte dann meine Wangen, die sich wunderbar kühl anfühlten, und schlief glücklich weiter.

Dr. Tarfüsser sagte, die Operation sei komplikationslos verlaufen, Schmerzen hatte ich nach der OP eigentlich kaum, mein Kreislauf war stabil, und so wurde ich am nächsten Morgen entlassen. Einzig mit Übelkeit hatte ich zu kämpfen und kotze auf der Heimfahrt meinem Freund ins Auto, aber sonst ging es mir eigentlich ganz gut. Heute Samstag, 48 Stunden nach der OP, habe ich keinerlei Schmerzen mehr und fühle mich schon fast wieder ganz fit.

Bisheriges Ergebnis

Nebenwirkungen:

Ich habe noch immer ganz warme, trockene Hände, was ich jedoch als sehr angenehm empfinde. Zum kompensatorischen Schwitzen: nachts habe ich vermehrt an den Oberschenkeln geschwitzt und ich habe feuchte, kalte Füsse. Beides empfinde ich aber bisher nicht als störend und absolut nebensächlich.

Wirkung:

Ich werde nicht mehr rot! Es gab seit der OP schon diverse Situationen, bei denen ich früher errötet wäre, doch diesmal hatte ich nur ein leichtes Wärmegefühl im Gesicht, es traten aber weder Erröten noch Herzklopfen auf. Ich laufe dann jeweils vor den nächsten Spiegel und bestaune dann jeweils verwundert und glücklich mein Gesicht!

Fazit

Auch wenn es nach nur zwei Tagen noch etwas früh ist, ein Fazit zu ziehen, so muss ich doch sagen, dass ich sehr froh bin, den Eingriff gewagt zu haben. Ich kann es kaum erwarten, am Montag wieder arbeiten zu gehen, soziale Kontakte zu pflegen, warme Kleider und Rollkragenpullover zu tragen, und all die Situationen aufzusuchen und auszuprobieren, vor denen ich mich bisher so gefürchtet habe. Allein in diesen zwei Tagen seit dem Eingriff habe ich an Ruhe und Selbstbewusstsein gewonnen, wie ich es seit Jahren nicht mehr hatte. Ich freue mich unglaublich auf und über diesen neuen Lebensabschnitt, für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!

Natürlich ist und bleibt es ein chirurgischer Eingriff, der mit Kosten, Risiken und Nebenwirkungen verbunden ist. Ich bin aber der Meinung, dass es nach Ausschöpfen aller anderen Möglichkeiten ein möglicher Weg sein kann und darf. 

Wer sich dafür entscheidet, sollte sich auf jeden Fall an Dr.Tarfüsser wenden.

Achtung: Ich möchte an dieser Stelle mit aller Deutlichkeit betonen, dass die kognitive Verhaltenstherapie durchaus bei vielen Erythrophobikern eine Besserung bewirken kann (insbesondere wenn die Errötungsangst im Rahmen einer allgemeinen Selbstunsicherheit entsteht) und auf jeden Fall einen Versuch wert ist. Und wenn eine Psychotherapie auch die Angst und das Erröten in einigen Fällen nicht vermindern kann, so kann sie doch eine grosse Hilfe und Unterstützung bei der Bewältigung darstellen. Ich empfehle jedem Erythrophobiker den Besuch eines Psychologen/Psychiaters, weil es bereits eine Entlastung darstellt, mit einer Vertrauensperson offen über sein Problem sprechen zu können. Bevor ihr über eine Operation nachdenkt, versucht es auf jeden Fall zuerst über einen längeren Zeitraum mit einer Psychotherapie! Und noch ein Tipp: meldet euch zu Beginn bei zwei oder drei Therapeuten zu einem Erstgespräch und wählt dann denjenigen aus, von dem ihr euch am meisten verstanden fühlt und dem ihr vertraut.

Auch wenn ich mich letztendlich zur Operation entschieden habe, so hat mir das psychotherapeutisches Wissen geholfen, in all den Jahren trotz Erythrophobie mein Studium zu beenden, meinen Beruf auszuüben und mich nicht völlig zurückzuziehen.

Christine


Update von Christine am 24. November 2005

Hier ein Zwischenbericht 3 Wochen nach der OP bei Dr.Tarfusser:

Wirkung:

- kein Erröten mehr! In der ersten Woche habe ich in entsprechenden Situationen noch ein Hitzegefühl im Gesicht verspürt, dass tritt inzwischen kaum mehr auf. Selbst beim Sport bekomme ich keinen roten Kopf mehr.

- Ein rotes Gesicht in sehr warmen Räumen oder draussen bei der Kälte (als  Hautreaktion) kommt natürlich noch vor, aber dass stört mich kaum.

- Die kleinen Narben in den Achselhöhlen sind schnell und schön verheilt und auf der einen Seite sogar schon jetzt kaum mehr sichtbar.

Vorübergehende Nebenwirkungen (eine Woche lang):

- leichte Schmerzen im Brustkorb

- starke Müdigkeit und Schlappheit, ich hätte in der ersten Woche nach der OP den ganzen Tag im Bett liegen und schlafen können, die Arbeit war aufgrund des Erschöpfungsgefühls manchmal eine echte Qual. Ich hatte das Gefühl, nur noch aus Parasympathicus zu bestehen! Das wurde dann aber von Tag zu Tag besser und ist inzwischen ganz verschwunden.

Nebenwirkungen:

- niedriger Puls als früher in Stresssituationen (sehr angenehm!) und bei körperlicher Anstrengung, Ruhepuls von 50 unverändert.

- warme Hände (ebenfalls angenehm)

- trockene Hände (bei häufigem Eincremen nicht störend)

- kompensatorisches Schwitzen nur hin und wieder nachts an den Oberschenkeln, aber weder bei Wärme noch in Stresssituationen (nicht störend). Ich muss dazu sagen, dass ich auch vor der OP wenig geschwitzt habe.

- kühle, etwas feuchte Füsse (nicht störend)

Insgesamt empfinde ich die Nebenwirkungen als harmlos oder sogar als angenehm; das hat wohl auch damit zu tun, dass sie mich daran erinnern, dass ich nicht mehr rot werden kann, und damit mit positiven Gedanken und Gefühlen verknüpft sind.

Was ich in den ersten Wochen schwierig fand: die alten Verhaltensmuster und Vermeidungsstrategien zu durchbrechen (z.B. sich wegdrehen, wenn mir jemand ein Kompliment macht, in Restaurants dunkle Ecken suchen). Ich arbeite noch immer daran, solch automatisiertes Verhalten und entsprechende Gedanken zu stoppen – es ist, als wäre die Tatsache, dass ich nicht mehr rot werde nach so vielen Jahren noch nicht ganz in meinem Kopf abgespeichert.

Für mich war es bisher auf jeden Fall der richtige Entscheid!

Christine


Update von Christine am 12. November 2006

Nach einem Jahr ETS kann ich sagen, dass sich mein Leben in jedem Bereich zum positiven verändert hat. Ich gehe angstfrei in soziale Situationen und bin insgesamt ruhiger und entspannter. Ich würde mich jederzeit wieder dafür entscheiden.

Wirkung: kein Erröten (auch nicht in "Extremsituationen" und beim Sport), kein Herzklopfen. Bei starker Wärme oder Kälte menachmal langsames Erröten, ist aber nicht weiter störend.

Nebenwirkungen: trockene Hände, kalte Füsse. Kompensatorisches Schwitzen tritt bei mir (auch bei über 30 Grad) kaum auf, ich habe aber auch vor der ETS kaum geschwitzt.

Christine
 


Update von Christine am 06. März 2008

Es geht mir auch 2,5 Jahre nach der OP bestens, die Wirkung ist nach wie vor unvermindert vorhanden, und ich gehöre zu den Glücklichen, die keine nennenswerten Nebenwirkungen haben. Auch kompensatorisches Schwitzen tritt kaum auf.

Ich würde es jederzeit wieder tun.

Viele Grüsse

Christine