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bericht christine drury
arzt: dr. drott

 

 

geschickt von tessa am 18. März 2001

THE NEW YORKER, 12. Februar 2001:

ANNALEN DER MEDIZIN

CRIMSON TIDE

Was ist Erröten?, Keiner weiß es genau, aber es kann Dein Leben
ruinieren.

VON ATUL GAWANDE

Im Januar 1997 wurde Christine Drury die Nachtmoderatorin für die
Channel 13 Nachrichten, der lokalen  NBC Tochtergesellschaft in
Indianapolis. Im Reich der Fernsehnachrichten und -Talkshows macht man
so seinen Anfang. (David Letterman begann seine Karriere, indem er bei
demselben Sender das Wochenendwetter ansagte). Drury arbeitete in der 9
- 15-Uhr-Schicht, wo sie Geschichten ausarbeitete und nach Mitternacht
einen 30 Sekunden und einen 2 ½-Minuten Tagesbericht las. Wenn sie Glück
hatte und es während der Nacht Sondernachrichten gab, konnte sie mehr
Sendezeit bekommen, in der sie die Neuigkeiten entweder live aus dem
Studio oder im Freien berichtete. Wenn sie sehr viel Glück hatte, wie
das eine Mal, als ein Conrail Zug in Greencastle entgleiste, konnte sie
bis zur Morgenshow durchmachen.

Drury war sechsundzwanzig Jahre alt, als sie den Job kriegte. Seit der
Zeit als Mädchen in Kokomo, Indiana, wollte sie im Fernsehen sein, ganz
besonders als Moderatorin. Die Frauen, die sie hinter dem Tisch sah,
beneidete sie um ihr Selbstvertrauen und ihre Sicherheit. Während eines
Einkauftrips  zum Indianapolis-Einkaufszentrum in ihrer High School
Zeit, sah sie Kim Hood, die damals Channel-13-Moderatorin während der
Haupteinschaltzeit war. " Ich wollte sie sein", sagt Drury, und die
Begegnung ließ das Ziel irgendwie erreichbar erscheinen. Am College, an
der Purdue University, nahm sie Telearbeit als Hauptfach, und im Sommer
machte sie ein Praktikum bei Channel 13. Anderthalb Jahre nach der
Graduierung, erwischte sie dort einen "Tellerwäscher"job als
Produktionsassistentin. Sie bediente den Teleprompter, positionierte
Kameras,  und tat im allgemeinen, was immer man ihr auftrug. Während der
nächsten zwei Jahre arbeitete sie sich bis zum Nachrichtenschreiben und
dann schließlich zur Nachtmoderatorin hoch. Ihre Chefs betrachteten sie
als ideale Interessentin. Sie schrieb ausgezeichnete Nachrichtenskripte,
sagten, sie hätte eine TV-fertige Stimme und, nicht zufällig, sie hätte
DAS
Aussehen,- was genauer heißt, daß sie auf eine gesunde, typisch
amerikanische Meg-Ryan-Art hübsch sei. Sie hatte perfekte weiße Zähne,
blaue Augen, blonde Haare und ein natürliches Lächeln.

Doch während ihrer Übertragungen merkte sie, daß sie das Erröten nicht
stoppen konnte. Das belangloseste Vorfall konnte sie aus der Reihe
bringen. Sie war am Set, las die Nachrichten und stolperte über ein Wort
oder bemerkte, daß sie zu schnell sprach. Dann, fast sofort, wurde sie
rot. Ein Gefühl von elektrischer Hitze entstand in ihrem Brustkorb, das
sich dann nach oben in ihren Hals, ihre Ohren, ihre Gesichtshaut
drängte. Physiologisch ausgedrückt war es die pure Umkehrung des
Blutflusses. Das Gesicht und der Hals haben eine ungewöhnlich hohe
Anzahl an Venen nahe der Hautoberfläche, und sie können mehr Blut tragen
als andere von ähnlicher Größe. Wenn sie durch bestimmte Nervensignale
stimuliert werden, dehnen sie sich aus, während andere periphere Gefäße
sich zusammenziehen: die Hände werden weiß und klamm, während
das Gesicht rot wird. Schlimmer als die körperliche Reaktion war für
Drury der Stress, der sie begleitete: ihr Geist wurde leer; sie hörte
sich stottern. Sie empfand einen überwältigenden Zwang, ihr Gesicht mit
ihren Händen zu bedecken, sich von der Kamera abzuwenden, sich zu
verstecken.

So lang, wie Drury sich erinnern kann, war sie eine "Errötende". Und
wegen ihrer blassen irischen Haut stach die Röte hervor. Sie war von der
Sorte Kind, das fast automatisch vor Verlegenheit errötete, wenn es in
der Schule aufgerufen wurde oder während es sich einen Platz in der
Schulkantine suchte. Als Erwachsene konnte sie wegen der Kassiererin im
Lebensmittelgeschäft erröten, die die Schlange aufhielt, um an den Preis
für die Cornflakes zu kommen oder während der Autofahrt, wenn sie
angehupt wurde. Es mag seltsam erscheinen, daß sich so eine Person vor
die Kamera stellt. Aber Drury hat ihre Tendenz zur Verlegenheit immer
bekämpft. In der High School war sie ein Cheerleader, spielte im
Tennisteam und wurde in den Promqueen Court gewählt. In Purdue spielte
sie Tennis, ruderte mit Freunden in einer Mannschaft und graduierte Phi
Beta Kappa.

Sie arbeitete als Bedienung und als assistierende Geschäftsführerin bei
Wal-Mart, wo sie sogar jeden Morgen die Belegschaft beim Wal-Mart Cheer
anleitete. Ihre Geselligkeit und ihr sozialer Anstand sicherten ihr
immer einen großen Freundeskreis.

Doch auf Sendung konnte sie über das Erröten nicht hinwegkommen. Wenn
man sich Bänder mit ihren ersten Berichterstattungen, - vergiftete
Lebensmittel in einem Hotel, ein Zwölfjähriger mit einem 325 IQ , der
das College absolviert hat- in höherer Geschwindigkeit anschaut, ist die
Röte klar zu sehen. Später begann sie Rollkragenpullover zu tragen und
verwendete eine dicke Lage Merle Norman Cover Up Green Concealer
(Abdeckcreme). Darüber trug sie eine MAC Studiofix Grundlage. Ihr
Gesicht sah am Schluß etwas dunkel aus, aber die Röte wurde praktisch
unbemerkbar.

Dennoch konnte ein Zuschauer erkennen, daß etwas nicht stimmte. Wenn sie
nun errötete, und  schließlich wurde sie bei nahezu jeder weiteren
Sendung rot- konnte man sehen, wie sie sich versteifte, sich ihre Augen
fixierten, ihre Bewegungen mechanisch wurden. Ihre Stimme beschleunigte
sich und steigerte sich in der Tonhöhe. "Sie war ein wahres Reh im
Scheinwerferlicht", sagte ein Produzent.

Drury ließ das Koffein weg. Sie versuchte es mit Atemkontrollübungen.
Sie kaufte sich Selbsthilfebücher für Fernsehdarsteller und stellte sich
vor, die Kamera wäre ihr Hund, ihr Freund, ihre Mutter. Eine Weile
versuchte sie ihren Kopf sehr ruhig zu halten, während sie auf Sendung
war. Nichts half.

Durch die Zeitenvorgabe und der extrem begrenzten Vorstellung ist
Nachtmoderatorin eine Arbeit ohne großen Anklang. Leute machen den Job
im allgemeinen ein Jahr lang, verbessern ihre Fertigkeiten und wechseln
auf einen besseren Posten. Aber Drury bewegte sich nirgendwohin. " Sie
war definitiv nicht bereit, um für die Tagesstunden auf Sendung zu
sein", sagte ein Produzent beim Sender. Im Oktober 1998, fast zwei Jahre
in diesem Job, schrieb sie in ihre Tagebuch:" Mein Gefühl Abzurutschen
hält an. Ich hab den ganzen Tag mit Heulen verbracht. Ich bin auf dem
Weg zur Arbeit und ich fühle mich, als könnte ich nicht genug
Kleenextücher benutzen. Ich kann mir nicht vorstellen, warum Gott mich
mit einer Arbeit gesegnet hat, zu der ich nicht fähig bin. Ich muß
rausfinden, was ich machen kann. Ich werde alles versuchen, bevor ich
aufgebe."

  -Sie versuchte Makeup, Medikamente, und Therapy, dann eine
drastischere Behandlung-

Was ist dieses eigenartige Phänomen, Erröten genannt? Eine Hautreaktion?
Eine Emotion? Eine Art Ausdruck der Blutgefäße? Wissenschaftler sind
sich niemals sicher gewesen, wie man es beschreiben kann. Erröten ist
physiologisch und psychologisch auf einmal. Auf der einen Seite ist
Erröten unfreiwillig, unkontrollierbar und äußerlich wie ein
Hautausschlag. Auf der anderen Seite erfordert es Gedanken und Gefühle
auf dem obersten Level der Gehirnfunktion. "Der Mensch ist das einzige
Tier, das errötet", schrieb Mark Twain. "Oder erröten muß."

Beobachter sind immer davon ausgegangen, daß Erröten einfach die äußere
Manifestation von Scham ist. Freudianer, zum Beispiel, sahen es auf
diese Weise, argumentierten, daß es eine deplazierte Erektion sei, die
aus unterdrücktem sexuellen Verlangen resultiere. Aber , wie Darwin in
einem Essay von 1872 bemerkte( und sich darüber den Kopf zerbrach), ist
es nicht Scham, sondern die Aussicht auf Preisgabe, Demütigung, die uns
erröten lassen. " Ein Mensch kann sich, ohne rot zu werden, völlig
schämen, weil er eine kleine Unwahrheit erzählt hat", schrieb er," aber
wenn er nur erwartet, daß dies entdeckt wird, wird er sofort erröten,
besonders wenn es von jemanden entdeckt wird, den er verehrt."

Aber wenn es Demütigung ist, wegen der wir uns Sorgen machen, warum
werden wir rot, wenn wir gelobt werden? Oder wenn Leute "Happy Birthday"
für uns singen? Oder wenn Leute uns nur anschauen? Michael Lewis, ein
Professor in Psychiatrie an der Universität für Medizin und Zahnmedizin
von New Jersey, demonstriert routinemäßig in Klassen die Auswirkungen.
Er kündigt an, daß er aufs Geratewohl auf einen Studenten zeigen wird,
daß das Zeigen bedeutungslos und ohne Wertung oder sonstwas für die
Person ist. Dann schließt er die Augen und zeigt. Jeder schaut, wer es
ist. Und immer gleichbleibend, überkommt die Person Verlegenheit. In
einem seltsamen Experiment, das vor ein paar Jahren durchgeführt wurde,
verdrahteten zwei Sozialpsychologen, Janice Templeton und Mark Leary,
Versuchspersonen mit Gesichtstemperatursensoren und stellten sie auf die
eine Seite eines Spionspiegels. Der Spiegel wurde dann entfernt, um den
Blick auf eine gesamte Zuhörerschaft freizugeben, die sie von der
anderen Seite aus anstarrte. In der Hälfte der Experimente trugen die
Zuschauer dunkle Brillen und in der anderen Hälfte nicht.
Seltsamerweise, erröteten die Versuchspersonen nur, wenn sie die Augen
der Zuschauer sahen.

Was vielleicht am meisten am Erröten stört, ist, daß es aus sich heraus
sekundäre Effekte produziert. Es macht verlegen wegen Verlegenheit und
kann intensive Selbstbefangenheit, Verwirrung und Konzentrationsverlust
bewirken.( Darwin, der sich abmühte zu erklären, warum dies so ist,
vermutete, das der größere Blutfluß zum Gesicht Blut aus dem Gehirn
abzieht.)

Warum wir so einen Reflex haben, ist verblüffend. Eine Theorie besagt,
daß das Blut da ist, um Befangenheit zu zeigen, so wie es das Lächeln
gibt, um Fröhlichkeit zu zeigen. Dies würde erklären, warum die Reaktion
nur in sichtbaren Gebieten des Körpers (Gesicht, Hals und obere
Brustpartie) erscheint. Aber warum werden dann dunkelhäutige Menschen
rot? Umfragen ergaben, daß nahezu jeder ungeachtet der Hautfarbe
errötet, trotz der Tatsache, daß es bei vielen fast unsichtbar ist. Und
man muß nicht rot werden, damit Leute merken, daß man verlegen ist.
Studien zeigen, daß Menschen Verlegenheit vor dem Erröten entdecken. Es
ist offensichtlich, daß Erröten 15 bis 20 Sekunden braucht, bis es den
Gipfel erreicht; Leute brauchen jedoch weniger als 5 Sekunden, um zu
merken, daß jemand verlegen ist- sie schließen es aus einer fast
unmittelbaren Bewegung im Blick, gewöhnlich nach unten oder nach links,
oder aus befangenen Lächeln, das eine halbe Sekunde später folgt.
Deshalb gibt es Grund zum Zweifeln, daß der Zweck des Errötens völlig
expressiv ist.

Dennoch gibt es eine alternative Sichtweise, die von einer steigenden
Zahl von Wissenschaftlern geteilt wird. Der Effekt des sich
verstärkenden Verlegenheit könnte kein Zufall sein; vielleicht ist es
das, wozu Erröten da ist. Die Vorstellung ist nicht so absurd wie sie
klingt. Leute können es hassen, verlegen zu sein und sich bemühen, es
nicht zu zeigen, aber Verlegenheit hat einen großen Nutzen. Weil sie, im
Gegensatz zu Traurigkeit oder Wut oder sogar Liebe, eine grundlegende
moralische Emotion ist. Entstanden aus der Sensibilität gegenüber dem,
was andere denken, liefert Verlegenheit den schmerzhaften Hinweis, daß
man gewisse Grenzen überschritten hat, während man dem anderen
gleichzeitig eine Art Entschuldigung "liefert". Es läßt uns ein Ansehen
in der Welt haben. Und falls Erröten dazu dient, diese Sensibilität zu
steigern, wäre dies zu unserem eigenen höchsten Vorteil.

Doch das Rätsel ist, wie man es abschaltet. Verlegenheit verursacht
Erröten, und Erröten verursacht Verlegenheit- also, wie kann man den
Kreislauf stoppen? Keiner weiß es, und in einigen Leuten läuft der
Mechanismus sichtlich schief. Eine überraschend hohe Zahl von Menschen
erleben häufiges, schweres, unkontrollierbares Erröten. Sie beschreiben
es als "heftig", "zufällig" und "demütigend". Ein Mann, mit dem ich
sprach, errötet sogar, wenn er nur allein zuhause jemand im Fernsehen
verlegen werden sieht, und er verlor seine Arbeit als
Unternehmensberater, weil sein Chef dachte, daß er für Kunden nicht
"angenehm" wäre. Ein anderer Mann, ein neurologischer Wissenschaftler,
schmiß seine Karriere in der klinischen Medizin für ein klosterhaftes
Forscherleben fast nur wegen seiner Tendenz zum Erröten. Und sogar dann
konnte er dem Ganzen nicht entrinnen. Seine Arbeit über erbliche
Gehirnkrankheiten wurde so erfolgreich, daß er sich dabei ertappte,
regelmäßig Einladungen abzuwehren, bei denen er davon zu erzählen und im
Fernsehen zu erscheinen hatte. Einmal versteckte er sich in dem
Waschzimmer eines Büros, um einer CNN Crew auszuweichen. Bei einer
anderen Gelegenheit wurde er eingeladen, vor fünfzig der weltbesten
Wissenschaftler, darunter fünf Nobelpreisgewinner, seine Arbeit
vorzustellen. Normalerweise konnte er alles überstehen, indem er bei
ausgeschaltetem Licht redete und Dias zeigte. Aber dieses Mal unterbrach
ihn ein Zuhörer zuerst mit einer Frage, und der Neurowissenschaftler
wurde dunkelrot. Für einen Moment stand er murmelnd da, dann zog er sich
hinters Podium zurück und aktivierte heimlich seinen Piepser. Er sah
darauf hinab und verkündete, daß ein Notruf durchgekommen wäre. Es täte
ihm sehr leid, aber er müßte gehen. Den Rest des Tages verbrachte er
zuhause. Dies ist jemand, der sein Geld mit Gehirn- und Nervenstörungen
verdient, sich dennoch auf seinen eigenen  Zustand keinen Reim machen
kann.

Es gibt keinen offiziellen Namen für dieses Syndrom, obwohl es oft
"schweres" und "pathologisches" Erröten genannt wird, und niemand weiß,
wieviel Leute es haben. Eine sehr grobe Schätzung sagt, daß ein bis
sieben Prozent der allgemeinen Bevölkerung daran leidet. Im Gegensatz zu
den meisten Leuten, deren Rotwerden sich nach den Teenagerjahren
verringert, melden chronisch errötende Leute einen Anstieg mit dem
Alter. Zuerst dachte man, daß die Intensität das Problem für das Erröten
war. Aber dies war nicht der Fall, wie sich herausstellte. In einer
Studie zum Beispiel benutzten Wissenschaftler Sensoren, um die
Gesichtsfarbe und -temperatur der Versuchspersonen zu messen, dann
ließen sie sie vor einem Publikum stehen und Dinge tun, wie "The
Star-Spangled Banner" singen oder zu einem Lied tanzen. Christine Drury
beschrieb mir den folgenden Teufelskreis: jemand fürchtet rot zu werden,
wird rot und wird dann rot wegen der Verlegenheit zu Erröten. Was zuerst
kam- das Erröten oder die Verlegenheit- wußte sie nicht. Sie wollte es
nur beenden.

Im Herbst 1998, ging Drury zu einem Internisten. "Sie werden dem
entwachsen", erzählte er ihr. Als sie ihn jedoch bedrängte, war er
einverstanden, sie ein Medikament ausprobieren zu lassen. Klar war
nicht, WAS zu verschreiben war. Medizinische Textbücher sagten nichts
aus über pathologisches Erröten. Einige Doktoren verschreiben
Angstdämpfer, wie Valium, unter der Voraussetzung, daß das wahre Problem
Angst ist. Manche verschreiben Betablocker, welche die Stressreaktion
des Körpers abstumpfen. Manche verschreiben Prozac und andere
Antidepressiva. Die einzige Therapie, die einen bescheidenen Erfolg zu
haben scheint, ist keine Droge, sondern eine Verhaltenstechnik, bekannt
als paradoxe Absicht-wo die Patienten anstatt zu versuchen, nicht rot zu
werden, dieses aktiv versuchen müssen. Drury benutzte zuerst
Betablocker, dann Antidepressiva und schließlich Psychotherapie. Es gab
keine Besserung.

Bis Dezember 1998 war ihr Erröten intolerabel geworden, ihre Auftritte
demütigend und ihre Karriere fast unrettenswert.
Sie schrieb in ihr Tagebuch, daß sie bereit war, zu kündigen. Dann
suchte sie eines Tages im Internet nach Information über Erröten im
Gesicht und las von einem Krankenhaus in Schweden, wo Mediziner eine
chirurgische Methode anwenden, die das beenden konnte. Der Eingriff
beinhaltete das Durchtrennen gewisser Nerven im Brustraum, dort wo sie
den Rückenstrang verlassen, um weiter nach oben zum Kopf zu verlaufen. "
Ich lese diese Seite über Leute, die genau das gleiche Problem wie ich
haben, und ich konnte es nicht glauben", erzählte sie mir. "Tränen
liefen mir über die Wangen." Am nächsten Tag erzählte sie ihrem Vater,
daß sie sich zu der Operation entschieden hatte. Mr. Drury fragte selten
wegen der Entscheidungen seiner Tochter, aber dies hörte sich für ihn
wie eine schlechte Idee an. " Es schockierte mich richtig", erinnert er
sich, " und als sie es ihrer Mutter erzählte, war diese noch mehr
schockiert. Es gab grundsätzlich keinen Weg für seine Tochter nach
Schweden zu fahren und die Operation machen zu lassen."

Drury war einverstanden, sich etwas Zeit zu nehmen, um mehr über den
Eingriff zu erfahren. Sie las einige Artikel, die sie in medizinischen
Zeitschriften finden konnte. Sie sprach mit Chirurgen und ehemaligen
Patienten. Nach ein paar Wochen war sie nur mehr überzeugt. Sie erzählte
ihren Eltern, daß sie nach Schweden fahren würde und als klar wurde, daß
sie nicht davon abgeschreckt werden könnte, entschloß sich ihr Vater
mitzukommen.

Der Eingriff ist bekannt als endoskopische transthoraktale
Sympathektomie, oder ETS. Er beinhaltet die Durchtrennung von Fasern des
Nervensystems, Teil des vegetativen, oder "autonomen" Nervensystems, das
Atmung, Herzschlag, Verdauung, Schwitzen, und , neben vielen anderen
grundlegenden Lebensfunktionen, Erröten kontrolliert. An der Rückseite
des Brustraums sind auf beiden Seiten der Wirbelsäule, wie glatte weiße
Stricke verlaufend, die sympathischen Bahnen, die Zugangsstraßen, die
die sympathischen Nerven entlangfahren, bevor sie zu den einzelnen
Organen abzweigen. Zu Beginn dieses Jahrhunderts versuchten Chirurgen,
Zweige dieser Bahnen zu entfernen- eine thoraktale Sympathektomie für
jede Art Krankheit: Epilepsie, Grüner Star, bestimmte Blindheitsfälle.
Meist schadeten die Experimente mehr als daß sie nutzten. Aber Chirurgen
fanden zwei ungewöhnliche Fälle, in denen die Sympathektomie half: sie
stoppte hartnäckige Brustschmerzen bei Patienten mit fortgeschrittener,
inoperabler Herzkrankheit, und sie beendete Hand- und Gesichtsschweiß
bei Patienten mit Hyperhidrosis,unkontrollierbarem Schwitzen.

Weil die Operation Chirurgie mit offenem Brustraum bedeutete, wurde sie
selten durchgeführt. In den letzten Jahren jedoch haben einige
Chirurgen, besonders in Europa die Prozedur endoskopisch durchgeführt,
bei der SKOPE durch kleine Einschnitte eingeführt werden. Unter ihnen
war ein Trio in Göteborg, Schweden, das bemerkte,  daß ihre
Hyperhidrosispatienten nicht nur mit dem Schwitzen aufhörten, sondern
auch mit dem Erröten. 1992, nahm die Göteborg Gruppe eine Handvoll
Patienten an, die sich über behinderndes Erröten beklagten. Als die
Ergebnisse in der Presse berichtet wurden, fanden sich die Mediziner in
einer Flut von Anfragen wieder. Seit 1998 haben die Chirurgen die
Operation für mehr als dreitausend Patienten mit schwerem Erröten
durchgeführt.

Die Operation wird jetzt in der ganzen Welt praktiziert, aber die
Göteborger Chirurgen gehören zu den wenigen, die ihre Ergebnisse
veröffentlicht haben. 94 % der Patienten erleben eine wesentliche
Verminderung im Erröten; in den meisten Fällen wurde es vollständig
ausgeschaltet. In Umfragen, die etwa acht Monate nach dem Eingriff
durchgeführt werden, bedauern 2% die Entscheidung wegen Nebenwirkungen,
und 15% sind unzufrieden. Die Nebeneffekte sind nicht lebensgefährlich,
aber auch nicht unbedeutend. Die ernsthafteste Komplikation, die bei 1%
der Patienten auftritt, ist das Horner Syndrom, bei dem ein
versehentliche Verletzung der sympathischen Nerven zu einer VERENGTE
Pupille, einem herabhängenden Augenlid und einem abgesunkenen Augapfel
führt. Weniger besorgniserregend ist, daß Patienten nicht länger
oberhalb der Brustwarzen schwitzen, und die meisten erfahren als
Kompensation einen wesentlichen Anstieg von Schweiß in den unteren
Körperregionen. (Ein Jahrzehnt nach der Durchführung von ETS für
Handschweiß, fiel, laut Studie das Verhältnis der Patienten, die mit dem
Ergebnis zufrieden sind, von anfänglich 96% auf 76%, hauptsächlich wegen
dem kompensatorischen Schwitzen.) Ungefähr ein Drittel der Patienten
bemerken eine seltsame Reaktion, bekannt als geschmackliches Schwitzen -
Schwitzen, das durch bestimmte GESCHMACKE und Düfte ausgelöst wird. Weil
sympathische Zweige zum Herzen entfernt werden, erfahren Patienten eine
Verminderung des Herzschlags um etwa 10%; manche beschweren sich über
beeinträchtigte Körperleistung. Wegen all dieser Gründe, ist die
Operation bestenfalls ein letzter Ausweg, etwas, das man laut Chirurgen
versucht, wenn nichtchirurgische Methoden versagt haben. Wenn Leute in
Göteborg anrufen, sind sie oft verzweifelt. Wie ein Patient, der die
Operation durchführen ließ, mir sagte: " Ich hätte sie auch durchführen
lassen, wenn sie mir eine 50%ige Todesmöglichkeit mitgeteilt hätten."

Am 14. Januar 1999 kamen Christine Drury und ihr Vater in Göteborg an,
einen 400 Jahre altem Seehafen an Schwedens Südwestküste. Sie erinnert
sich an den Tag als schön, kalt und verschneit. Das Carlanderska Medical
Center war alt und klein, mit elfenbeinbedeckten Wänden und großen,
hölzernen Bogen-Doppeltüren. Drinnen war es düster und ruhig; Drury
wurde an einVerlies erinnert. Jetzt erst wurde ihr bewußt, was sie hier
tat, neun tausend Meilen von zu Hause entfernt, in einem Krankenhaus,
von dem sie fast nichts wußte. Trotzdem meldete sie sich an, und eine
Krankenschwester nahm ihr Blut für die routinemäßigen
Laboruntersuchungen ab, stellte sicher, daß ihre medizinischen
Unterlagen in Ordnung waren und nahm ihre Bezahlung entgegen, die sich
auf 6000 Dollar belief. Drury bezahlte mit der Kreditkarte.

Das Krankenhaus war beruhigend sauber und modern, mit weißer Bettwäsche
und blauen Decken. Christer Drott, ihr Chirurg, kam früh am nächsten
Morgen , um sie zu sehen. Er sprach in einwandfreiem, britisch
akzentuiertem Englisch und war, sagte sie, überaus tröstend:" Er hält
deine Hand und ist so mitfühlend. Diese Mediziner haben tausende dieser
Fälle gesehen. Ich mochte ihn einfach."

Um halb zehn des Morgens, kam ein Hilfspfleger, um sie für die Operation
zu holen."Wir haben kürzlich eine Geschichte über ein Kind gemacht, das
starb, weil der Anästhesist eingeschlafen war", sagte Drury, "deshalb
will ich nur sicher gehen und den Anästhesisten bitten, nicht
einzuschlafen und mich sterben zu lassen." Er lachte und sagte "ÒK"."

Als Drury bewußtlos war, tupfte Drott, in GESCHRUBBTER und steriler
Robe, ihren Brustkorb und Achselhöhlen mit Antiseptikum ab und legte
sterilen Stoff so darauf, daß nur ihre Achselhöhlen frei waren. Nachdem
er zwischen den Rippen
in ihrer linken Achselhöhle nach Platz gefühlt hatte, machte er einen
7-mm-Einschnitt mit der Spitze seines Skalpells, stieß eine
großkalibrige Nadel durch das Loch und in ihren Brustkorb. Durch die
Nadel wurden 2 Liter Kohlendioxid gepumpt, das ihre Lunge abwärts und
aus dem Weg schob. Dann führte Drott ein RESECTOSCOPE ein, ein langes
Metallrohr, das mit einem Augenstück, faseroptische Beleuchtung und
einer VERÄTZUNGsspitze ausgestattet ist. Es ist eigentlich ein
urologisches Instrument, dünn genug, um die Harnröhre zu passieren
(obwohl aus Sicht der urologischen Patienten nicht dünn genug). Während
er durch die Linse sah, suchte er ihren linken sympathischen Strang,
immer aufpassend, um eine Verletzung der Hauptschlagadern am Herzen zu
vermeiden. Er fand eine glatte strickähnliche Struktur, die dort an den
Rippenköpfen verläuft, wo sie in die Wirbelsäule übergehen. Er verätzte
den STRANG an zwei Punkten über der zweiten und dritten Rippe und
vernichtete alle Gesichtszweige, bis auf die, die zum Auge führen. Als
er dann sicher war, daß es keine Blutung gab, zog er das Instrument
raus, führte einen Katheter ein, um das Kohlendioxid abzusaugen und ließ
ihre Lunge sich wieder ausdehnen und vernähte das 2 1/2
Quadratzentimeter große Loch. Nachdem er zur anderen Seite des Tisches
gegangen war, führte er die die gleiche Prozedur auf der rechten Seite
ihres Brustkorbs durch. Alles verlief reibungslos. Die Operation dauerte
nur 20 Minuten.

Was geschieht, wenn man einem Menschen die Fähigkeit zum Erröten
wegnimmt? Ist es eine reine chirurgische Art von Merle Norman Cover Up
Green -das Entfernen der Röte, aber nicht der Selbstbefangenheit? Oder
kann sogar das Individuum selbst durch ein paar Schnitte an den
Nervenfasern beeinflußt werden? Ich erinnere mich, wie ich mir als
Teenager einmal eine gespiegelte Sonnenbrille gekauft habe. Ich hab sie
innerhalb von ein paar Wochen verloren, aber als ich sie trug, ertappte
ich mich dabei, unverfrorener und "tougher" zu handeln. Hinter jener
Brille fühlte ich mich verkleidet, weniger ausgesetzt, irgendwie freier.
Könnte der Eingriff so etwas wie dieses sein?

Fast zwei Jahre nach Drury`s Operation, esse ich in einer Sportbar in
Indianapolis mit ihr zusammen zum Mittag. Ich hatte mich gefragt, wie
ihr Gesicht aussehen würde, ohne die Nerven, die seine Farbe zu
beeinflussen - würde sie aschfahl, fleckig, auf irgendeine Art
unnatürlich aussehen? In der Tat ist ihr Gesicht klar und leicht rosa,
nicht anders als vorher, sagt sie. Dennoch ist sie nicht errötet seit
dem Eingriff. Gelegentlich, meist zufällig, hat sie ein Phantomerröten
erlebt:  ein deutliches Gefühl rot zu werden, obwohl das nicht der Fall
ist. Ich fragte sie, ob sie rot wird, wenn sie läuft, und sie sagt nein,
obwohl sie`s wird, wenn sie auf dem Kopf steht. Die anderen physischen
Veränderungen erscheinen ihr unbedeutend. Die Sache, die sich am meisten
bemerkbar machen würde, sagt sie, ist, daß weder ihr Gesicht noch ihre
Arme schwitzen und ihr Bauch, Rücken und Beine mehr als üblich, jedoch
nicht genug, um sie zu stören. Die Narben sind vollständig verschwunden.

Seit dem ersten Morgen nach der Operation, sagt Drury, fühlt sie sich
wie verwandelt. Ein attraktiver Krankenpfleger kam, um ihren Blutdruck
zu messen. Gewöhnlich wäre sie in dem Moment, wo er näherkam, rot
geworden. Aber nichts in der Art passierte. Sie sagt, sie fühlte sich,
als wenn eine Maske entfernt worden wäre.

Den Tag, nachdem sie entlassen worden war, stellte sie sich selbst auf
die Probe, fragte aufs Geratewohl Leute auf der Straße nach dem Weg,
eine Situation, die bei ihr regelmäßig Erröten verursachte. Jetzt, wie
ihr Vater bestätigte, tat sie`s nicht. Was gibt`s mehr zu sagen, als daß
Begegnungen leicht und normal schienen, ohne einen Schimmer ihrer alten
Befangenheit. Am Flughafen, erinnert sie sich, warteten sie und ihr
Vater in einer langen Eincheck-Schlange, und sie konnte ihren Ausweis
nicht finden. " Deshalb kippte ich meine Brieftasche auf den Boden aus
und fing an, nach ihm zu suchen, und es kam mir der Gedanke, daß ich das
tat-und ich nicht gekränkt wurde", sagt sie. "Ich sah zu meinem Vater
auf und begann sofort zu weinen."

Zurück daheim, schien die Welt wie neu. Aufmerksamkeit fühlte sich
unkompliziert, unerschreckend an. Ihre gewöhnlichen inneren Monologe,
wenn sie mit Leuten sprach (" Bitte nicht rot werden, bitte nicht rot
werden, oh Gott, ich werde rot") verschwanden, und sie fand, daß sie
anderen besser zuhören konnte. Sie konnte sie auch länger anschauen,
ohne den Zwang ihren Blick zu abzuwenden. In der Tat mußte sie sich
selbst dazu bringen, nicht zu starren.

Fünf Tage nach dem Eingriff war Drury zurück am Moderationstisch. Sie
legte in dieser Nacht fast kein Makeup auf.  Sie trug einen
matrosenblauen wollenen Blazer, die Art von warmer Kleidung, die sie
vorher nie hätte tragen wollen." Meine Einstellung war, Dieses ist mein
Anfang", erzählte sie mir. "Und es lief perfekt".

Später sah ich einige Bänder von Übertragungen in den ersten Wochen nach
dem Eingriff. Ich sah ihren Bericht über die Tötung eines Pastors durch
eine betrunkenen Fahrer und über die Erschießung eines Neunzehnjährigen
durch einen Sechzehnjährigen; sie war, in der Tat, natürlicher als sie
es jemals gewesen ist. Eine Übertragung traf mich besonders. Es war
nicht ihr regulärer Nachtzeitbericht sondern ein Stück über den
öffentlichen Dienst, genannt "Read, Indiana, Read!"
Sechs Minuten lange Livesendezeit an einem Februarmorgen zeigte, wie sie
einer Gruppe aufsässiger Achtjährigen eine Geschichte vorlas. Trotz des
Chaos, verursacht durch die Kindern, die vorbeigingen, Dinge warfen, ihr
Gesicht in die Kamera hielten, machte sie weiter und blieb die ganze
Zeit über gefaßt.

Drury hatte niemandem von der Operation erzählt, aber Leute auf der
Arbeit sahen ihr den Unterschied sofort an. Ich sprach mit einem
Produzenten von ihrem Sender, der sagte: " Sie erzählte mir nur, daß sie
mit ihrem Vater eine Reise machen würde, aber als sie zurückkam und ich
sie im Fernsehen wiedersah, sagte ich "Christine! Das war unglaublich!"
Sie sah erstaunlich gelassen vor der Kamera aus. Man konnte die
Sicherheit durch den Fernseher kommen sehen, was sich von vorher völlig
unterschied." Innerhalb von Monaten bekam Drury bei einem anderen Sender
Arbeit als Hauptsendezeit-Reporterin.

Ein paar Schnitte an Fasern zu ihrem Gesicht und sie war verändert. Das
ist eine seltsame Vorstellung, weil wir unser wesentliches Selbst nicht
mit den körperlichen Eigenschaften in Zusammenhang bringen. Wer hat
nicht ein Foto von sich gesehen oder seine Stimme auf Kassette gehört
und gedacht, Das bin ich nicht? Verbrannte Patienten, die sich das erste
Mal in einem Spiegel sehen, um ein extremes Beispiel zu nehmen, fühlen
sich befremdet von ihrer Erscheinung. Und trotzdem "gewöhnen" sie sich
nicht bloß daran; ihre neue Haut verändert sie. Es verändert, wie sie
sich mit Leuten in Verbindung bringen, was sie von anderen Augen
erwarten. Eine burn-ward Krankenschwester erzählte mir einmal, daß
sECURE erschreckend und bitter werden kann THE WEAK JUT JAWES SURVIVORS.
Ähnlich erlebte Drury ihr Stolperdraht-Erröten als etwas vollständig
Äußerliches, einer Verbrennung nicht unähnlich-"die rote Maske", nannte
sie es. Dennoch reichte es soweit in sie hinein, daß sie glaubte, es
hielte sie davon ab, die Person zu sein, die zu sein sie bestimmt war.
Wenn die Maske einmal entfernt war, schien sie neu, mutig, "völlig
anders als zuvor" zu sein.

Aber was ist mit der Person, die ihr ganzes Leben lang sich davor
gefürchtet hat, rot zu werden und die bei der kleinsten Prüfung verlegen
und befangen wurde? Diese Person, entdeckte Drury allmählich, gab es
immer noch.

Eines Abends ging sie mit einem Freund zum Abendessen und beschloß, ihm
von der Operation zu erzählen. Er war der erste Mensch außerhalb der
Familie, dem sie es erzählte und er war entsetzt. Sie hatte sich
operieren lassen, um ihre Fähigkeit, rot zu werden, loszuwerden? Es
scheint mir abartig, sagte er, und schlecht, eitel. " Ihr Fernsehleute
würdet alles tun, um eure Karriereaussichten zu verbessern", hörte sie
ihn sagen.

Sie ging weinend nach Hause, wütend, aber auch gedemütigt und sich
fragend, ob es eine ausgeflippte und schwache Sache war, die sie da
hatte machen lassen. In den späteren Wochen und Monaten, war sie mehr
und mehr der Überzeugung, daß ihre chirurgische Lösung sie zu einer Art
Betrügerin machte. "Die Operation hatte mir meinen Weg als Journalistin,
zu der ich ausgebildet worden war, geebnet", sagt sie, " aber wegen dem
Bedürfnis meine Schwierigkeiten mit solch künstlichen Mitteln zu
beseitigen, fühlte ich mich unglaublich beschämt."

Sie wurde immer ängstlicher, daß andere ihre Operation herausfinden
würden. Einmal versuchte ein Kollege herauszufinden, was genau an ihr
anders sei, fragte sie, ob sie abgenommen hätte.

Schwach lächelnd erzählte sie ihm nein und sagte nichts mehr. " Ich kann
mich an ein Senderpicknick an dem Samstag vor dem Indy 500 erinnern, als
ich die ganze Zeit dachte, Bitte, bitte laß mich hier rauskommen, bevor
irgendeiner sagt, " Hey, was ist mit deinem Erröten passiert?" Es war,
wie sie fand, genau dieselbe Befangenheit wie vorher, nur jetzt kam sie
nicht durch das Erröten, sondern durch seine Abwesenheit.

Im Fernsehen begann die Befangenheit sie wieder zu irritieren. Im Juni
1999, nahm sie ihre neue Arbeit auf, aber wurde für
zwei Monate nicht eingeteilt, um auf Sendung zu sein. Während der Lücke
wurde sie unsicher zum TV zurückzukehren.
Ein Tag in dem Sommer fuhr sie mit der Crew raus, um über Sturmschäden
in einem Nachbarort, wo Bäume entwurzelt worden waren zu berichten. Sie
ließen sie ihre Aufstellung vor der Kamera machen. Sie ist sicher, daß
sie fabelhaft aussah, aber so fühlte sie sich nicht. "Ich fühlte mich,
als wenn ich dort nicht hingehörte, nicht verdiente, dort zu sein", sagt
sie. Ein paar Tage später kündigte sie.

Mehr als ein Jahr ist seitdem vergangen, und Drury mußte diese Zeit
damit verbringen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Arbeitslos
und beschämt zog sie sich zurück, sah niemanden und verbrachte die Tage
fernsehguckend auf der Couch, in einem Zustand wachsender Depression.
Die Dinge änderten sich für sie allmählich. Gegen ihren Instinkt begann
sie, Freunden und dann früheren Kollegen zu gestehen, was passiert war.
Zu ihrer Überraschung und Erleichterung war fast jeder unterstützend. Im
September 1999 gründete sie sogar eine Organisation, die Red Mask
Foundation, um Informationen über chronisches Erröten zu verteilen und
eine Gemeinschaft für Leidende zur Verfügung zu stellen. Daß sie ihr
Geheimnis offenbarte, erlaubte ihr schließlich, weiter zu machen.

In jenem Winter fand sie neue Arbeit - im Radio diesmal, was Sinn
machte. Sie wurde Assistenz Chef für Metro Networks Radio in
Indianapolis. Man konnte sie auf zwei Radiosendern jeden Morgen in der
Woche moderieren hören, und dann in den Nachmittag Verkehrsnachrichten
für diese und einige andere Sender. Im letzten Frühling, nachdem sie
ihre Sicherheit wiedergewonnen hatte, begann sie, Fernsehsender zu
kontaktieren. Der örtliche Fox-Sender war mit ihr als
Vertretungssprecherin einverstanden. Anfang Juli wurde sie in letzter
Minute zur Verkehrsberichterstattung in die 3-Stunden-Morgenshow
einberufen.

Dieses war eins von jenen Frühstücks"nachrichten" -Programmen, wo zwei
quietschvergnügte Co-Moderatoren, ein Mann und eine Frau, in
überstaffierten Stühlen große Kaffeebecher hielten. Jede halbe Stunde
oder so würden sie sich für einen zwei-Minuten Verkehrsbericht zu Drury
umdrehen. Sie stand vor einer Serie projizierter Straßenkarten, klickte
durch sie und beschrieb die verschiedenen Autounfälle und
Baustellenstaus, auf die man achten mußte. Dann schlugen die
Co-Moderatoren einen
Hey-du-bist-nicht-unser-altes-Verkehrsmädchen-Scherz an, mit dem sie
gelassen umgehen konnte, lachte und spaßte. Es war aufregend, aber nicht
einfach, wie sie sagte. Sie fühlte sich etwas befangen bei dem Gedanken,
was die Leute von ihr nach so langer Abwesenheit denken würden. Aber die
Gefühle überwältigten sie nicht. Sie sagt, sie beginnt sich in ihrer
Haut wohl zu fühlen.

Man möchte wissen, ob ihre Sorgen am Ende physisch oder psychisch waren.
Aber diese Frage ist so unmöglich zu beantworten wie, ob Erröten
physisch oder geistig oder in jenem Fall, ob es eine Person ist. Jeder
ist beides,und sogar durch die Klinge eines Chirurgen nicht zu spalten.
Ich habe Drury gefragt, ob sie die Operation irgendwie bedauert.
"Überhaupt nicht", sagt sie. Sie bezeichnet sie sogar als "meine Kur".
Sie fügt gleichzeitig hinzu, daß " die Leute wissen müssen, daß der
Eingriff nicht das Ende von allem ist". Sie hat jetzt, wie sie es
beschreibt, eine glückliche Mitte erreicht. Sie hat sich von viel
Selbstbefangenheit befreit, die ihr Erröten provozierte, aber sie
akzeptiert die Tatsache, daß sie nie vollständig davon frei sein wird.
Im Oktober wurde sie selbstständige Teilzeit-Berichterstatterin für
Channel 6, der ABC Tochtergesellschaft in Indianapolis. Sie hofft, daß
dies ein Vollzeitjob wird. "Weißt du, ich hab kein Gesicht für`s Radio",
sagt sie.