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"Mein langer Leidensweg"
von BurningLove

 

 

geschickt von BurningLove am 07. Februar 2004

Hallo Leidensgenossen !

Seitdem ich schon über ein halbes Jahr stiller Besucher dieses Forums bin, habe ich mich nun endlich dazu durchgerungen, hier auch mal einen Beitrag zu verfassen. Ich bin 27 Jahre, männlich und befinde mich gerade in den Endzügen meines Studiums. Was ich mit euch allen wohl gemeinsam habe, ist diese unvorstellbare Angst vor dem Erröten, die mein gesamtes Leben bis zum heutigen Tage beeinträchtigt und mir eine hohes Maß an Lebensqualität raubt. Unter Erythrophobie leide ich (mit ca. vierjähriger Unterbrechung) seid 12 Jahren. Dass es sich dabei um eine Krankheit handelt, weiß ich allerdings auch erst, seitdem ich im letzten Sommer auf diese Seite hier gestoßen bin. Vor einigen Wochen habe ich schließlich den entscheidenden Schritt gewagt, und ärztliche wie auch psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen. Ich mache nun eine Verhaltentherapie und nehme zusätzlich Medikamente ein, um meinen derzeitigen Zustand überhaupt erst mal zu stabilisieren. Insofern möchte ich diese Zeilen gerne nutzen und allen interessierten Mitbetroffenen von meinen persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit berichten. Zudem habe ich gesehen, dass die Themen Therapie, der Besuch beim Arzt und die Medikamente hier im Forum immer wieder auftauchen und Fragen dazu gestellt werden. Vielleicht kann ich auch hier mal meine bisherigen Eindrücke schildern und andere, die sich diesen Schritt auch überlegen, etwas ermutigen. Wie ich jetzt schon sehe, wird der Bericht viel länger als eigentlich geplant. Denn es ist nicht gerade meine Kunst, mich kurz zu fassen. Da ich mir gut vorstellen kann, dass nicht jeder die Zeit und vielleicht auch Lust hat, meine gesamten Gedankengänge zu dem Thema hier zu lesen, werde ich an den einschlägigen Passagen Absätze einbauen. So kann der, der sich nur für meine Erfahrungen mit den Ärzten, den Medikamenten oder der Therapie interessiert, denn Rest problemlos überspringen.

So, hier aber nun meine allumfassende Geschichte:

Worunter leide ich genau wie zeigt sich das Erröten bei mir?

Ich leide unter dem sogenannten schnellen Erröten, also einem Erröten, dass allein in alltäglichen Situationen auftritt, ohne das ein vernünftiger Grund vorliegt. Abgesehen von einer sehr dünnen Gesichtshaut (die für die Intensität und Sichtbarkeit des Errötungseffektes ja bekanntlich mit verantwortlich ist), sind die Ursachen auch bei mir rein psychischer Natur. D. h. ich habe keine empfindliche Haut oder so etwas, oder Erröte nach Anstrengungen und Hitze schnell, sondern ich unterliege allein einer Wahrnehmungsstörung beim Umgang mit anderen Menschen. Ein anderer Forumsnutzer umschrieb es in seinem Bericht mal für mich sehr zutreffend mit den Worten: „Man beschäftigt sich zuviel mit seinen eigenen (meist negativen) Gedanken, so dass man in diesem Zustand die Wahrnehmung der eigenen Person durch Andere überinterpretiert“. Überspitzt ausgedrückt, fühle ich mich in den Situationen, in denen das Erröten auftritt, durch meine Umwelt beobachtet. Dieses Gefühl der „Beobachtung“ und dem „Ausgeliefert sein“ und der sich daraus letztlich aufbauenden Angst, sich gleich möglicherweise seinem Umfeld wieder mit hochrotem Kopf zeigen zu müssen, entsteht auch meiner Erfahrung nach alleine dadurch, dass ich mich in diesen Situationen oder kurz davor, zu sehr meinen eigenen Gedanken hingebe, ja mich von ihnen förmlich beherrschen lasse, anstatt mich auf das äußere Geschehen, z.B. das Gespräch mit einem Freund zu konzentrieren. Ich befasse mich in diesen Momenten viel zu sehr mit meinem eigenen, inneren „Ich“ und meiner möglichen Wirkung auf Andere, und nicht mit den Vorgängen, die sich außerhalb von mir tatsächlich abspielen. Welchen Eindruck mache ich auf mein Gegenüber? Was wird mein Gegenüber wohl denken, wenn ich jetzt gleich rot werde? Bloß nicht rot werden, denn dann gucken dich alle an und es wird peinlich! Mit der Zeit wurden diese Gedanken bei mir immer dominanter und ich immer selbstkritischer und dadurch meine gesamte Wahrnehmung im Umgang mit anderen Menschen völlig verzerrt. Dies hat soweit geführt, dass ich mich in vielen sozialen Situationen im wahrsten Sinne des Wortes „für mich selbst schäme“, obwohl es überhaupt keinen erklärbaren oder menschlich verständlichen Anlass gibt (also in dem Sinne, etwas ist „peinlich“). Mit dieser Pseudopsychologischen Selbstanalyse erahnt ihr vermutlich schon, das auch ich mich vertieft mit dem Thema auseinandersetze und jeden Tag auf ein neues versuche, mit dieser Phobie fertig zu werden. Jahre mit Höhen und Tiefen, Erfolgen und Rückschlägen und einer ganzen Menge Versuche, die Ery zu verstecken, zu bekämpfen oder einfach im Alltag zu bewältigen.

Aber wo fing es bei mir genau an?

Die Schule. Obwohl ich schon immer ein etwas ruhigere Typ war, war ich nie schüchtern oder so. In der 9. Klasse bekam ich aber ziemlich schlimme Hautprobleme. Etwas, was mich sehr belastete und meines Erachtens der Ursprung allen Übels war. Innerhalb weniger Monate reduzierte ich meine mündliche Mitarbeit auf null und versuchte jede Aufmerksamkeit von mir zu lenken, um bloß nicht aufzufallen. Folge war natürlich, dass mich die Lehrer einfach so dran nahmen. Dies war mir dann unangenehm, weil die Blicke meiner Mitschüler erst recht auf mich gerichtet wurden. Irgendwann so sehr, dass ich dabei rot wurde. Und da begann der Teufelskreis. Es passierte immer öfter. Bald jedes mal, wenn ich aufgefordert wurde etwas zu sagen, vorzulesen oder einfach nur meine Anwesenheit am Morgen mitzuteilen. Ich versuchte mich krampfhaft dagegen zu wehren. Bloß nicht rot werden. Nur das war ja genau der falsche Weg. Fast keine Stunde verging mehr, ohne dass ich nicht rot wurde. Nein, es waren nicht mehr nur die Unterrichtsstunden. Nach einiger Zeit reichte es sogar, wenn ich nur den Schulhof betrat. Ich kam durch das Tor und merkte schon, jetzt steigt dir das Blut in den Kopf. Selbst wenn eigentlich gar keiner auf dem Hof stand. Es hätte ja irgendwo jemand stehen können, der mich aus dem Unterricht mit rotem Kopf kennt. Also entstand bei mir schon von vornherein der Gedanke und ich baute die Angst davor auf, möglicherweise von gerade dem gesehen zu werden und wieder zu erröten. Wenn man sich das als „normaler Mensch“ überlegt, kann man eigentlich nur den Kopf schütteln. Teilweise musste ich ja selber darüber lachen (obwohl mir in den Situationen ganz und gar nicht zum lachen war!). Hier trifft der Begriff „Wahrnehmungsstörung“ in der Tat voll und ganz zu. Komischerweise bezogen sich diese „Erlebnisse“ aber fast ausschließlich auf die Schule und den besagten Unterricht. Im Umgang mit Freunden oder in der Familie war es bei weitem nicht so schlimm. Sicher gab es auch hier viele Momente, in denen ich ungewöhnlich schnell rot wurde und die sich dann allmählich zu „gefährlichen Situationen“ entwickelten. Z.B. bei Familienfeiern. Ich hatte mich gerade erst an den mit der Verwandtschaft umsammelten Tisch gesetzt und schon glühte meine Birne. Ohne ersichtlichen Grund natürlich! Das kennen hier wahrscheinlich viele selber nur allzu gut. Trotzdem, primär spielten sich das alles allein in der Schule ab. Das ich die Schule nach und nach immer mehr hasste, kann sich wohl jeder vorstellen. Die Hautprobleme waren übrigens mittels ärztlicher Hilfe nach zwei Jahren völlig beseitigt. Davon sah man wirklich gar nichts mehr. Die Errötungsangst blieb aber. Die ging nicht. Sie war vielmehr so stark geworden, dass sie mein gesamtes Denken blockierte. Selbst wenn ich im Unterricht mal etwas wusste, war ich nicht in der Lage, dieses in Worte zu fassen und ganz normal zu antworten. Lieber sagte ich „weiß ich nicht“ und hoffte innerlich nur, dass die Aufmerksamkeit so schnell wie möglich von mir fallen würde. Obwohl ich zu dieser Zeit noch nicht wusste, dass es sich dabei tatsächlich um eine Krankheit handelte, war ich mir völlig bewusst, dass sich das alles einzig und allein in meinem Kopf abspielte. Ich vor bestimmten Situationen einfach Angst hatte, Angst, rot zu werden. Diese Angst ging jedoch nie soweit, dass ich mich völlig zurückgezogen und isoliert habe. Ich ging weiterhin raus, traf mich mit Freunden, ging in die Disco und stand die „schlimmen Situationen“ (die erwähnten Familienfeiern) einfach durch. Und in der Schule konnte ich ja sowieso nicht einfach abhauen. Meine Familie und Freunde merkten von alledem wohl nichts. Zumindest wie es in mir aussah. Gut, sie sahen das ich oft rot wurde. Mit 16, 17 oder 18 Jahren gab es da aber immer noch „Erklärungen“. „Der ist halt schüchtern“, „Steht nicht gerne im Mittelpunkt“, „Schämt sich schnell“. Dinge, die eigentlich ja gerade nicht zutrafen. Wer konnte auch schon ahnen, dass es eine Erythrophobie gibt? Bei den Lehrern war es nicht anders. Sie sahen zwar jedes Mal meine knallrot Birne und wie unangenehm es mir war, aber ihnen blieb ja auch nichts anderes übrig, als mich zur Mitarbeit aufzufordern. Wenn ich mich schon selbst überhaupt nicht mehr beteiligte. Ihnen kann ich noch nicht mal einen Vorwurf machen. Meine Noten waren natürlich auch dementsprechend schlecht. Alles nur, weil ich Angst hatte, rot zu werden. So lief es dann ungefähr 6 Jahre. Mal besser, mal schlechter. Trotzdem, 6 Jahre, die mein Leben bis zum heutigen Tag geprägt haben. Dann machte ich Abitur. Und da passierte etwas.

Der Eintritt eines „Selbstheilungsprozesses“

Wenige Monate nach dem Ende meiner schulische Laufbahn begann ich mit dem Zivildienst. Ich kam im Alltag in ein neues soziales Umfeld und lernte neue Leute kennen. Ich wurde durch die Arbeit als Zivi gefordert und anerkannt. Sah mich nicht mehr als der „gefangene Schüler“, der ständig mit rotem Kopf in der Klasse saß. Ich umgab mich nicht mehr mit den Leuten aus der Schule, die mich nur mit rotem Kopf kannten. Es entstanden auf einmal völlig neue Eindrücke. Ich hatte nicht mehr dieses Gefühl, dass mich jeder mit der Erwartung anguckte „pass auf, der wird gleich wieder rot“. Dadurch nahm ich meine Umgebung ganz anders wahr. Dies beeinflusste wiederum mein Verhalten, welches sich mit der Zeit völlig veränderten. So komisch das klingt, aber ich bekam in der Tat ein ganz anderes Verhältnis zu meiner Umwelt. Fühlte mich nicht mehr ängstlich, sondern hatte das Gefühl, als hätte ich mein „altes“ Leben hinter mir gelassen. Ich nahm bestimmte Situationen auch einfach nicht mehr so ernst wie früher vielleicht noch. Zur gleichen Zeit bekam ich meine erste Freundin. Spät, aber auch etwas, was meinem Selbstwertgefühl unheimlich half. Zudem erweiterte sich nach und nach mein Freundeskreis. Einfach, weil ich „offener“ wurde. Nach dem Zivildienst begann ich dann mein Studium. Hier kamen auch wieder viele neue Leute auf mich zu, die meine schulische Vergangenheit nicht kannten, sondern in mir einen kontaktfreudigen Menschen sahen, der im Umgang mit anderen überhaupt keine Probleme (mehr) hatte. Meine universitären Leistungen waren zudem ziemlich gut. Das machte natürlich wieder Eindruck bei meinen Kommilitonen und brachte Anerkennung. Nebenbei jobbte ich in Bereichen, wo man viel mit Menschen zu tun hatte. War die eine Freundin weg, dauerte es nicht lange und die nächste war da. Ich war also eigentlich den ganzen Tag beschäftigt. All dies führte dazu, dass ich an das Erröten und vor allem die Angst davor, mit der Zeit einfach nicht mehr dachte. Ich wurde nach und nach mit soviel neuen Eindrücken konfrontiert, dass sich mein gesamtes Bewusstsein förmlich „umstrukturierte“. Dies führte sogar soweit, dass es nachher Situationen gab, wo wirklich etwas peinlich war und mein gesamtes Umfeld beschämt und errötet zum Boden blickte und ich der Einzige war, der mit einem verschmitzten Lächeln ganz entspannt in die Runde schaute. Verrückt, oder? Um hier nicht den falschen Eindruck zu erwecken: Dies alles ging natürlich keineswegs so schnell und problemlos, wie es sich hier nun vielleicht liest. Diese Entwicklung war ein Prozess, der sich über einen Zeitraum von mindestens 2 Jahre hinzog. Gerade zu Anfang (also zum Zeitpunkt direkt nach der Schule) gab es immer wieder mal einen Rückschlag. Dennoch, rückblickend waren all diese Vorgänge dafür verantwortlich, dass meine Errötungsangst mit der Zeit verschwand und ich fast 4 Jahre völlig frei leben konnte. Ohne Hilfe von außen, ohne Ärzte, ohne Psychologen, ohne Medikamente.

Der Rückfall

Dann kam jedoch das letzte Jahr. Und innerhalb weniger Monate brach das von mir über Jahre mühsam Aufgebaute völlig in sich zusammen. Ein Denk- und Lernprozess, der mein gesamtes Leben zum positiven verändert hatte, wurde in kürzester Zeit – letztlich durch mich selbst – zu Nichte gemacht. Ich erinnere mich noch ganz genau an eine der entscheidenden Schlüsselsituationen: Ich saß mit einem Kumpel in der Mensa, ganz normal, wie ich es davor auch schon hunderter Male ohne Probleme praktiziert hatte. Wir saßen gegenüber, unterhielten uns. Ein ganz alltäglicher Vorgang halt. Und auf einmal war wie aus dem nichts diese Angst da: „Jetzt nicht rot werden“. Warum, weshalb und wieso, es war mir unerklärlich. Es zuckte wie ein Blitz durch meinen Körper; ich stand bald selber neben mir, weil ich gar nicht glauben konnte, an was ich da gedacht hatte. Und mit einem mal merkte ich, wie mir langsam das Blut in den Kopf stieg und sich die noch gerade lustig im Gespräch vertieften Blicke meines Gegenübers in eine starre Mine verwandelten und er mich völlig irritiert ansah, weil ich ihm mit hochrotem Kopf in die Augen blickte. Ein Moment, den ich nie vergessen werde. Ein Moment, denn ich (zumindest so bewusst) bis zu diesem Zeitpunkt Jahre nicht mehr erlebt hatte. Gott sei Dank war das Essen beendet und wir konnten den Tisch verlassen. Mein Kumpel war zwar verwirrt, was er wohl falsches gesagt oder gemacht haben würde (das merkte ich schon an seiner Reaktion), aber gesagt hat er natürlich nichts. Wir gingen in die Uni, als ob nichts gewesen wäre und keiner redete mehr drüber. Aber in meinem Kopf arbeitete es mit einem mal auf Hochtouren. Es dauerte auch nicht lange, und da passierte es wieder. Ich saß mit jemand anders in der Mensa und wurde erneut rot. Ohne Grund. Nein, der Grund waren meine Gedanken. Die Angst begann sich wieder meiner Gedanken zu bemächtigen. Hier, in der Uni, wo ich mich jahrelang wohl gefühlt hatte. Wo ich Anerkennung bekam, viele Freunde hatte. Wo man mich mit „rotem Kopf“ ja gar nicht kannte. Mein mühsam erarbeitetes Selbstbildnis, so, wie die anderen mich wohl sehen würden und akzeptierten, wurde von mir nach und nach immer mehr in Frage gestellt. „Was werden die anderen jetzt wohl denken?“ „Du wirst rot, jemand, der sonst nie rot wird. Da muss aber was todpeinliches passiert sein“. Mit all diesen Gedankengängen dauerte es gerade mal 3 - 4 Monate und ich war an einem tieferen Punkt angelangt, als die gesamten 11 Jahre zuvor. 4 Jahre errötungsfreies Leben, 4 Jahre, die mich eigentlich zu einem neuen Menschen gemacht hatten, waren innerhalb kürzester Zeit zerstört und ich schickte mich selber wieder „in die Hölle“!

Woran hat es gelegen??
Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle. Mögliche Gründe könnten gewesen sein:
Zum einen lernte ich in der Zeit nach den ersten „Errötungsattacken“ sehr viel zuhause und kam so gut wie gar nicht raus. Einerseits war es praktisch, da ich keine unbedingte Verpflichtung in die Uni hatte (war Scheinfrei), und mir so den Weg jeden Tag sparen und zuhause in Ruhe lernen konnte. Andererseits machte sich aber gerade darin auch bei mir mit der Zeit das sogenannte Vermeidverhalten bemerkbar. Die unangenehmen Situationen – nämlich das mögliche Erröten durch Kontakt mit anderen in der Uni – vermeiden. Dadurch reduzierte sich mein Umgang mit anderen Menschen in alltäglichen Situationen merklich. So baute sich die Woche über ein Spannungsbogen auf, der sich dann an den Tagen, wo ich mal in der Uni war, entlud. Hier bildeten sich dann bei mir wieder in kürzester Zeit klassische Reiz-Reaktionsmuster. Ich ging auf den Uni-Eingang zu und wurde schon rot. Beim nächsten mal überlegte ich schließlich zweimal, ob ich in die Uni fuhr oder lieber zuhause blieb. Abnehmendes Selbstvertrauen und langsam wieder aufkommende, verzerrte Selbstbewertung trugen dann letztlich dazu bei, dass ich aufgrund meines Vermeidungsverhalten keine andersartigen Erfahrungen mehr machte und mich in Gedanken nur noch meinen Ängsten hingab. Das hatte ich doch schon mal, nicht wahr? Ich analysierte jede Situation, das Verhalten eines Gesprächspartners, von Freunden, Bekannten, ja sogar eigener Familienangehöriger und es ging nur noch darum: nicht rot werden. Ich konnte kaum noch ein normales Gespräch führen, meinem Gegenüber nicht mehr in die Augen gucken. Ich wurde zuhause beim essen rot, in der Straßenbahn, im Supermarkt, in der Mensa, im Seminar. Überall. Alles drehte sich nur noch ums rot werden. Nachdem ich es Jahre vergessen hatte. Es war so schrecklich. Fataler Weise hatte ich zu dem Zeitpunkt auch schon über längere Zeit keine Freundin mehr gehabt. Ein Punkt, der mich ganz sicher auch eine Menge Selbstwertgefühl kostete. Meine Umwelt reagierte wie üblich verwirrt und irritiert, weil sie mit meiner körperlichen Reaktion nichts anfangen konnte. Vor allem meine Kommilitonen. Sie kannten mich mit „rotem Kopf“ ja überhaupt nicht. Und nun wurde ich ständig rot. Ohne Grund. Da wurde ich dann irgendwann auch schon mal komisch angeguckt. Zuhause war es ähnlich. Ich versuchte mich natürlich zusammen zu reißen und nicht rot zu werden (was manchmal sogar gelang), aber die Angst in meinem Inneren war pausenlos da und steigerte sich dann bis zum letzten Sommer ins Unermessliche. Ein weitere Grund, der begünstigend auf meine Anfälligkeit wirkte, war sicher der Umstand, dass ich im letzten Jahr zeitgleich mit meiner Examensvorbereitung begann. Ich schrieb keine Klausuren mehr, wo ich mir „gute Noten“ und damit „Anerkennung“ holen konnte. Stattdessen lernte ich jeden Tag. Tag ein Tag aus ohne konkretes Nahziel. Vor Prüfungen und Vorträgen war ich immer schon sehr angespannt. Diese Anspannung entwickelte sich dann die vergangenen 12 Monate im Hinblick auf das (Fern)Ziel Examen zu einem Dauerzustand. Der Lern- und Leistungsdruck wurde immer stärker. Dadurch litt ich auch unter extremen Ein- und Durchschlafstörungen. Es kam also eine Vielzahl von Faktoren im genau falschen Moment zusammen. Wie es mir da erging, kann sich nur jemand vorstellen, der so etwas selbst durch macht oder durch gemacht hat. Alles in allem war ich im letzten Jahr wirklich ein nervliches Wrack. Auch wenn das meiner Umwelt vielleicht gar nicht so sehr aufgefallen ist.

Der Ausweg

Ich suchte natürlich die ganze Zeit händeringend nach Auswegen. Ich merkte ja, dass mir hier gerade etwas aus den Fingern glitt; ich erneut in einen Teufelskreis kam. Einem anderen davon erzählen? Niemals! Wo sollte ich also ansetzen? Ich kam mir so hilflos vor. Eines Tages kam ich aber dann auf die Idee, bei mir in der Uni ins Internet zu gehen und einfach mal nach dem Begriff „rot werden“ zu suchen. Selbst bei diesem Vorgang wurde ich rot. Das muss man sich mal vorstellen! Es dauerte nicht lange und ich landete auf dieser Homepage hier. Ich war sprachlos! Dort sah ich zum ersten mal, dass ich nicht der Einzige mit diesen Problemen war. Die Begriffe „soziale Phobie“ und „Erythrophobie“ waren für mich wie Neuland. Aber sie halfen mir ungemein, denn sie gaben mir einen Anhaltspunkt, eine Orientierung. Worum geht es bei dieser Krankheit überhaupt? Also suchte ich mir die folgenden Monate alles zu dem Thema zusammen. Vor allem durch die Berichte hier im Forum bekam ich eine ganze Reihe Denkanstöße. Denn ich sah ja, dass es ein Problem war, mit dem viele Menschen zu kämpfen hatten; es eine Menge Möglichkeiten und vor allem auch Medikamente gab, die die Ursachen, wie auch die Symptome, also das Erröten und die Angstzustände verringern konnten. Ein Ausweg war also in greifbarer Nähe.

Auf zum ersten Arzt

Irgendwann hatte ich dann den Entschluss gefasst: Du gehst zu einem Arzt. Nur zu welchem? Zum Psychiater oder Neurologen? „Nur“ weil ich rot wurde? Da verließ mich mein Mut. Vor allem: Wie sollte ich es meinem Umfeld erklären? Irgendjemand, zumindest meine Familie, würde es ja mitbekommen und dann sicher fragen: Warum willst du zum Psychiater? Jedem dann auf die Nase binden, dass ich Angst vorm rot werden habe? Nein, dass wollte ich unter keinen Umständen. Da stand ich vor einem riesigen Problem. Also schob ich es vor mir her. Woche für Woche. Im November letzten Jahres musste ich dann aber mal zum Hautarzt. Ich hatte nämlich schon einige Zeit leichte Probleme mit Lippen-Herpes. Wahrscheinlich Stressbedingt. Also dachte ich mir, dass könntest du ja gut als „Vorwand“ nutzen und nebenbei einfach mal das Problem „meine Gesichtshaut wird leicht rot“ ansprechen. „Rote Haut“ + „Hautarzt“, dass passt doch irgendwie. Ich machte also einen Termin. Und je näher er rückte, desto aufgeregter wurde ich. Die Nacht vorher konnte ich so gut wie gar nicht schlafen. Ich wusste ja, am nächsten Tag wollte ich erstmals in meinem Leben einem anderen Menschen meine Probleme offenbaren. Könnte ich überhaupt frei darüber sprechen? Würde ich nicht anfangen zu zittern und zu stottern und keinen Ton rausbekommen? Wie dem auch sei. Da musste ich durch. Da wollte ich durch. Gesagt, getan. Der nächste Tag kam und ich saß nach wenigen Minuten im Sprechzimmer. Der Arzt war noch nicht drin, aber mein gesamtes Nervensystem war in Wallung. Mein Körper zitterte und ich hatte richtige Magenschmerzen. Komischerweise dachte in dem Moment gar nicht mal ans rot werden selber, sondern ich hatte vielmehr Angst, gleich über meine Probleme als solches zu sprechen. Nun gut. Der Arzt kam und nach 2 Minuten war die Sache mit dem Herpes abgehackt. Ich dachte mir, jetzt oder nie. Also sagte ich mit zittriger Stimme: „Ja, da ist noch etwas“. „Also in letzter Zeit werde ich in Stresssituationen sehr schnell rot. Kann man dagegen nicht irgendetwas machen?“ So, jetzt war es raus und ich wartete gespannt auf die Reaktion des Arztes. Und was macht der? Kommt in meine Nähe und sucht in meinem Gesicht nach roten Stellen. Sofort merkte ich, dass der hier gerade irgendwie die Situation verkennt. Also fing ich noch mal von vorne an. Ich sagte ihm, dass es mich ziemlich belasten und mein Leben Momentan ziemlich einschränken würde. Es inzwischen eine richtige „Errötungsphobie“ wäre. Dieses Stichwort kannte ich hier von der Homepage ja nur gut genug und ich war mir sicher, darauf springt er jetzt an. „Ob er mir nicht vielleicht helfen könnte?“ Tja, und was kam? Über die Antwort, die dann kam, rege ich mich heute noch auf. Er schaute mich an und sagte ganz trocken: „Nein, dagegen kann man gar nichts machen. Das hängt mit dem vegetativen Nervensystem zusammen. Da sind sie halt anfälliger als andere. Damit müssen sie leben. Das geht irgendwann schon wieder weg. Tschüss und einen schönen Tag noch.“ Ich taumelte aus der Praxis und konnte gar nicht glauben, was ich da gerade gehört hatte. Meine Nerven lagen die gesamte Woche vorher blank, ich konnte die Nacht überhaupt nicht schlafen und teilte ihm hier meine tiefsten Ängste und Sorgen mit. Und der schickt mich mit einem „das wird schon wieder“ nachhause. Ich war so perplex, dass ich bald schon wieder lachen musste. Ich wusste ja hier aus dem Forum das es tausend Dinge gab, die man gegen die Erythrophobie einsetzen konnte. Ok, er war „nur“ ein Haut- und kein Nervenarzt oder Psychiater. Aber darüber hätte er wirklich etwas mehr wissen können als nur „da gibt’s nichts“. Zumindest hätte er mir raten können, mal zu einem anderen Arzt zu gehen. Also stand ich wieder da, wo ich vorher war. Aber nein, etwas war anders. Trotz großer nervlicher Anspannung, hatte ich es dennoch geschafft, erstmals einem anderen von meinem Problem zu erzählen. Und das half mir. Denn ich sah ja, die Angst davor, war eigentlich unberechtigt. Ich fühlte mich trotz des „Misserfolges“ in gewisser Weise erleichtert. Aber wie sollte es weitergehen?

Die Verhaltenstherapie

Meine Schlafstörungen wurden immer schlimmer. Dies bekam natürlich auch meine Familie mit. Konnte ich hier schon nicht offen über das Errötungsproblem sprechen, so konnte ich aber wenigsten von meinem Leid bei der Examensvorbereitung klagen und meine derzeitige nervliche Anspannung zumindest nach außen hin einfach allein darauf schieben. Zudem ließ ich die ganze Zeit immer wieder Kommentare los wie „ich lass mir jetzt bald was zur Beruhigung verschreiben“, oder „so geht’s nicht weiter, so schaff ich das Examen nie“ und vor allem „wo kann ich denn wegen der „ExamensANGSTprobleme“ hingehen“. Also alles in Zusammenhang mit dem Uni-Stress und nicht auf das Erröten bezogen. Ein kleiner „Trick“ der sich aber bis zum heutigen Tag als genau richtig erwiesen hat. Klar, ich war auch aufgrund des universitären Leistungsdrucks sehr angespannt, aber das primäre Problem war nun mal die Errötungsangst, über die ich aber nicht offen sprechen konnte. Also schob ich die anderen Problem einfach als „das Hauptproblem“ vor. Es ging ja zunächst auch erst mal nur um den Schritt, überhaupt Hilfe zu finden. Während ich also noch weiter grübelte, zu welchem Arzt ich denn jetzt noch mal gehen könnte, gab mir so ganz nebenbei jemand aus meiner Familie die Telefonnummer einer Psychotherapeutin. Hier könnte ich ja „einfach mal anrufen“ und gucken was die sagt. „Vielleicht würde es ja helfen“. Bingo, das war es. Es dauerte nicht lange und ich saß am Telefon. Dieser Anstoß hatte gefehlt. Vor dem Telefonat war ich natürlich auch schon wieder total aufgeregt. Ich musste ja irgendetwas sagen; warum ich überhaupt anrief und was ich wollte. Sollte ich direkt mit der Wahrheit herausrücken? Nein, ich kniff. Ich sagte: „Ja, ich habe ihre Nummer von einem Bekannten bekommen und bereite mich zur Zeit auf mein Examen vor, was mit einer großen nervlichen Anspannung verbunden ist. Ich bin dem ganzen Druck nicht gewachsen; leider unter Schlafstörungen und Ängsten im Umgang mit Prüfungen. Können sie mir da weiter helfen?“ Von meiner Errötungsangst sagte ich nichts. Die Frau am anderen Ende der Leitung wusste natürlich sofort bescheid. Sagte, dass sie viel Studenten kennen und behandeln würde, die solche Probleme hätten. Da sie aber ziemlich „überbelegt sei“, könne sie mich Momentan leider nicht „aufnehmen“. „Sie hätte aber eine sehr junge Kollegin, die sich der Probleme vielleicht gerne annehmen würde. Ich sollte mal meine Nummer da lassen. Ihre Kollegin würde sich dann die nächsten Tag mal bei mir melden.“ Erneute Erleichterung machte sich bei mir breit. Ich hatte zwar das Errötungsproblem verschwiegen, aber trotzdem. Jetzt war Hilfe in Sicht. Nach ein paar Tagen meldete sich die andere Therapeutin. Wir machten sofort einen Termin aus, ohne näher über meine Probleme zu sprechen.

Der Tag des Termins

Ich glaube, so aufgeregt war ich noch nie. Tausend Gedanken schossen bei mir durch den Kopf. „Sie wird denken du hast nur Prüfungsangst und Probleme mit dem Uni-Stress. Und dein Hauptproblem liegt beim Erröten. Jetzt musst du alles erzählen und rauslassen. Wie stehe ich das durch??“ Ich malte mir alle möglichen Szenarien aus. Das ich mich übergeben würde, umkippe, alles mögliche. Mir war wieder todschlecht. Aber ich versuchte mich zusammen zu reißen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vor der Tür zur Praxis auf und ab gegangen bin. Immer mit dem Wunsch, in diesem Moment bloß ganz weit weg zu sein. Aber es half nichts. Augen zu und durch. Schließlich stand ich in ihrem Behandlungszimmer. Kein vergleich zu einem Zimmer beim Arzt. Vielmehr ein Raum, mit einer angenehmen, warmen Atmosphäre. Überall lagen Kissen und Decken, ein paar Regale und Pflanzen, wie zuhause im Wohnzimmer. Aber da, zwei große Sessel, die direkt gegenüber standen. Für Gespräche. Auge in Auge. Für Erythrophoben der Horror schlecht hin! Mein erster Gedanke: „Mist, wie stehst du das jetzt durch?“ Im nächsten Moment sagte ich mir wieder, „die Dame hier hat jeden Tag mit soviel Leuten zu tun, die solche Probleme haben, also nicht aufregen“. Tausend Gedanken schossen mir gleichzeitig durch den Kopf, aber ich versuchte mich irgendwie zu beruhigen. Dann setzten wir uns hin und wir begannen uns ganz normal zu unterhalten. Rot wurde ich nicht. Dafür war ich wohl einfach zu aufgeregt. Zunächst drehte sich alles um die nervliche Belastung in der Uni, die Examensängste. Während ich dann da so vor mich hinplauderte, rutsche ich auf dem Sessel nervös hin und her. Denn ich dachte ja eigentlich nur an eins: „So, jetzt gleich musst du die Katze aus dem Sack lassen. Erröten, das ist hier das eigentliche Hauptproblem.“ Und dann war der Moment gekommen. Ich sagte: „So, ich hab da noch ein Problem. Meine Therapeutin guckte mich aufmerksam an: „Ja?“ Ich: „Also ich werde beim Umgang mit anderen Leute immer sehr schnell rot. Das hatte ich früher schon mal zu Schulzeiten, dann war es jahrelang weg und nun tritt es wieder vermehrt seid fast einem Jahr auf. Inzwischen leide ich unter einer richtigen Phobie und es belastet mein Leben sehr.“ So, das war’s. Es war raus. Es war mir ein zweites mal geglückt, darüber zu sprechen. Nur diesmal verlief die Sache ganz anders. Nicht so wie beim Hautarzt mit einem „das wird schon wieder“. Nein. Sie hörte mir ganz in Ruhe zu und sagte sofort mit einer Selbstverständlichkeit: „Klar, das Problem kenne ich. Es gehört zu den sozialen Phobien und dafür gibt es sogar einen Namen : Erythrophobie.“ Wow! Was fiel mir in diesem Moment für ein Stein von Herzen. Endlich jemand der mich voll und ganz versteht!! Wir haben uns dann bestimmt 45 Minuten über die Ery unterhalten und ich habe ihr mein halbes Leben im Schnelldurchlauf erzählt. Jeder Satz, jedes Wort befreite mich mehr und ließ meine Angst – zumindest für den Moment – dahinsiechen. Ich wurde noch nicht mal rot, obwohl ich pausenlos übers rot werden sprach. Sie erklärte mir dann ganz ausführlich, was man alles machen könnte, welche Therapiemöglichkeiten es gäbe, wie dies im einzelnen Abläuft, wie die Erfolgsquote wäre. Alles mögliche. Als die Stunde vorbei war, ging ich mit einem Gefühl der Befreiung aus der Praxis, das kann sich wohl kaum einer vorstellen. Ich glaube, solch ein „lockeres“, „freies“ Gespräch hatte ich bis zu dem Tag schon lange nicht mehr geführt. Sicher, ich war während der ganzen Zeit schon total nervös und aufgeregt. Aber der ganze angestaute Druck verließ mich, als ob man ein Ventil geöffnet hätte. Die Angst war nicht mehr so groß. Tja, das war mein erster Besuch bei der Therapeutin. Der Anfang vom Ende?

Wie lief es weiter und was hat die Therapie bis jetzt gebracht?

Eine Woche später hatte ich den nächsten Termin. Dort habe ich mich dann auch entgültig entschieden, eine kognitive Verhaltenstherapie zu machen. Hier wird bekanntlich versucht, das man neue Denk- und Verhaltensmuster erlernt. Meine Therapeutin erklärte mir, dass wir zunächst 5 Probesitzungen machen müssten und sie dann einen Antrag bei der Krankenkasse stellen würde, bei mir solch eine Therapie durchzuführen. Die Probesitzungen sind inzwischen vorbei. Der Antrag läuft. Zur Zeit muss ich warten, was der Gutachter sagt, ob mein Fall also „Therapiebedürftig“ ist. Insofern hab ich Momentan eine kleine Auszeit. Jedenfalls haben mir die Probesitzungen schon ungemein geholfen. Wir ich oben schon ausführte, war das Gefühl und das Bewusstsein, über seine Ängste mit einem anderen offen zu sprechen, wie ein Befreiungsschlag für mich. Das hat mir auf jeden Fall schon ziemlich geholfen. Mit dem offenen Gespräch führt man seine eigene Angst ja letztlich ad absurdum. Denn das, was man ja eigentlich fürchtet und wovor man sich versteckt, nämlich das Erröten, wird gerade dadurch enttabuisiert und zu etwas „normalem“ gemacht. Wir haben in den ersten Gesprächen dann erst einmal detailliert herausgearbeitet, wo meine Probleme überhaupt liegen. Wo werde ich rot, warum werde ich möglicherweise rot. Auch die nervliche Belastung im Studium wurde hier mit einbezogen. Sie hat mir zudem verschiedne Entspannungstechniken gezeigt, die man einsetzen kann. Vor allem auch bei den zuvor schon angesprochenen Schlafstörungen. Zusätzlich bekam ich „Hausaufgaben“ auf; z.B. muss ich jeden Tag ein sogenanntes Stimmungsbarometer ausfüllen, wo ich meine Gefühle und Gedanken in bestimmten Situationen am Tag auf einer Zahlenskala (1-10) bewerte und eintrage, so dass sich dann am Ende des Monats ein Diagramm ergibt und man ablesen kann, an welchen Tagen es mir „gut“ ging und wo eher „schlecht“. Zudem habe ich sie auch gefragt, wie es mit Medikamenten aussieht. Da sagte sie mir von vornherein, dass das natürlich ein zweischneidiges Schwert sei. Einerseits gäbe es sicherlich gute Präparate, die auch bestimmt helfen würden, andererseits bestände jedoch die Gefahr, dass ich mir selbst das Erfolgerlebnis nehmen würde. Nähme ich Medikamente, verschwände zwar möglicherweise das Erröten bzw. die Angst davor, dies aber eben, weil ich das Medikament nehme und nicht, weil ich selbst innerlich davon überzeugt bin und mein Verhalten bzw. meine Denkmuster geändert habe und sehe, dass es auch ohne irgendwelche Hilfsmittel geht. Sie konnte aber eben auch sehr gut verstehen, dass ich Momentan ziemlich am Ende bin und mich das alles doch sehr mitnimmt. Zudem kann sich die Therapie sehr lange hinziehen, unter Umständen über ein Jahr. Und mein zu bewältigendes Examen rückt ja nun mal auch immer näher. Insofern empfahl sie mir, mich einfach mal bei einem Arzt zu erkundigen. Zum Beispiel beim Hausarzt (nicht Hautarzt!). Diesen Rat hab ich dann befolgt. Auch der weitere Besuch beim Arzt war sehr erfolgreich. Wie das noch mal abgelaufen ist und was ich schließlich bekommen habe, habe ich unten unter dem Punkt „Medikamente“ kurz aufgeführt.
Jeder wird sich jetzt bestimmt auch fragen: Und, bist du denn auch mal rot geworden? Also in der ersten Stunde gar nicht. Wie ich ja schon schrieb, war ich dafür wohl eh zu aufgeregt und hatte zudem sowieso soviel zu erzählen, dass ich an der Erröten in Verbindung mit einer Angstsituation gar nicht dachte. Danach ist es, wenn ich mich jetzt nicht täusche, ganze zwei mal passiert. Bei 4 Sitzungen a 60 Minuten, kein schlechter Schnitt. Beim ersten mal hab ich direkt gesagt, „so jetzt passiert es gerade, sehen sie mein Gesicht?“ Aber sie reagierte ganz locker und sagte nur, dass sie fast gar nichts sähe. Und beim zweiten mal hat sie so getan, als ob es ganz selbstverständlich wäre. Wir haben ganz normal weiter gesprochen. Klar hab ich mich in der Situation dann irgendwie auch wieder etwas geschämt. Aber nach und nach bemerkte ich einfach die „Sinnlosigkeit“, allein nur daran zu denken. Sie kennt mein Problem und ihr ist es auch völlig egal ob ich rot werde. Insofern habe ich vor den „Unterrichtsstunden“ so gut wie gar keine (Errötungs-)Angst mehr. Sicherlich ist das nicht vergleichbar mit den Situationen im Alltag. Hier öffnet man sich ja gewöhnlich nicht jedem in der Weise, dass man überall erzählt, das man rot wird. Aber ich lese auch hier im Forum immer wieder, dass viele Mitbetroffene sich schon gar nicht erst zum Arzt oder Therapeuten trauen. Und da kann ich nur sagen, diese Angst ist wirklich unbegründet. Ich weiß dass sich das leicht sagt. Und ich weiß auch, dass man sie nicht einfach abstellen kann und locker in die Praxis läuft. Aber das muß ja auch gar nicht sein. Ich hab mir in den schlimmsten Momenten immer gesagt, „so, am besten du wirst so rot wie nie zuvor und übergibst dich vor Aufregung direkt in der Praxis. Denn dann sieht der Arzt oder Therapeut, wie schlecht es dir wirklich geht.“ Der Gedanke hat mir immer sehr geholfen. Die Angst zu akzeptieren und nicht versuchen, sie zu verdängen. Seht diese Angst einfach als „notwendiges Durchgangsstadium“ in eine „bessere Welt“. Und so Knalltüten wie mein Hautarzt gibt es ja nun auch nicht wie Sand am Meer. Wenn man an so einen Typen gerät, ist es halt blöde gelaufen. Davon darf man sich aber nicht entmutigen lassen. Und das sage ich nicht einfach mal so da her. Jeder der meinen Bericht gelesen hat, wird wissen, was auch ich für Ängste durchgestanden habe. Meinem privaten Umfeld habe ich von der Therapie übrigens zum Teil erzählt. Zur Zeit läuft das aber immer noch unter dem Thema „Examensangst“. Den Mut, allen gleich von meiner Ery zu erzählen, den hab auch ich noch nicht aufgebracht. Allerdings befinde ich mich zur Zeit an einem Punkt, wo ich mit dem Gedanken spiele, es bald meinen engsten Freunden erzählen. Das ist wohl die nächste Stufe. Ich bin jedenfalls frohen Mutes, das mir die Therapie etwas bringen wird. Auch meine Therapeutin sagte mir, dass die Grundvoraussetzungen bei mir überhaupt nicht schlecht seien. Ich weiß ja wo mein Problem liegt und möchte versuchen, mit ihm offener umzugehen. Mit der Zeit wieder ein anderes Verhältnis zu mir und meiner Umwelt zu bekommen. Auch wenn ich zur Zeit immer noch mal rot werde und ich die Gedanken daran noch keinesfalls als „erledigt“ bezeichnen kann: Indem ich die Hilfe überhaupt erst mal in Anspruch genommen habe, habe ich schon den wichtigsten Schritt getan. Jetzt kann es, so meine ich jedenfalls, nur noch aufwärts gehen.

Abschluss: Hilfsmittel und Medikamente

So, zum Schluss noch eine wichtige Sache, die ich in meinem Bericht überhaupt noch nicht erwähnt habe. Nämlich die Mittel, Strategien und auch seit kurzem Medikamente, die ich gegen das Erröten eingesetzt habe bzw. zur Zeit neben der Therapie einsetze. Ich hab mir das bewusst bis zum Ende aufgehoben, damit alle Interessierten ganz schnell drüber lesen können. Dabei möchte ich aber ganz deutlich darauf hinweisen, dass es sich hierbei lediglich um meine ganz persönlichen Erfahrungen und Methoden handelt. Inwieweit diese tatsächlich objektiv sinnvoll und nützlich sind oder ob sogar möglicherweise von ihnen abzuraten ist, möchte ich hier nicht bewerten.. Letztlich muss sowieso jeder seinen eigene Weg finden und für sich selber entscheiden, was er für richtig oder falsch hält. Auf jeden Fall kann auch ich nur davor warnen, sich selbständig irgendwelche verschreibungspflichtigen Medikamente, Beruhigungsmittel oder ähnliches zu besorgen. Vorher IMMER ZUM ARZT!

Solarium:

Ich bin die letzten 10 Jahre regelmäßig ins Solarium gegangen. Mir hat es auf jeden Fall geholfen. War mein Gesicht etwas farbiger, kam das Erröten jedenfalls nicht mehr so stark zur Geltung. Ein Gesprächspartner sieht natürlich - auch mit Sonnenbankbräune - wenn sich die Gesichtfarbe auf einmal verändert, man also rot wird. Trotzdem, hat man eine entsprechende Bräune, wirkt es von außen eher so, als ob die Gesichtsfarbe ein immer tieferes Braun annehmen würde, nicht jedoch, dass man einen roten Ballon auf den Schultern sitzen hat. Vor allem in der Öffentlichkeit hat mir allein der Gedanke „die anderen denke, du wärst grad aus dem Urlaub gekommen“ sehr geholfen und damit meine Angst in gewissen Situationen relativiert. Ich war entspannter und wurde automatisch nicht mehr so rot.
Um allerdings entsprechend braun zu sein, muss man natürlich regelmäßig ins Solarium und auf starke Bänke gehen. Ob das dann für die Haut auf Dauer so gut ist, will ich mal dahinstehen lassen. Andererseits hab ich mich immer wieder gefragt, was es mir hilft, wenn ich durch Verzicht aufs Solarium meine Haut zwar in gewisser Weise schütze, im Alltag aber dann aufgrund eines hellen Gesichts pausenlos mit noch ausgeprägteren Errötungsängsten zu kämpfen habe und dadurch möglicherweise soziale Situationen meide, die ich mit gebräunter Haut wahrnehmen würde. Einfach, weil ich mich besser fühle. Mir hat es wie gesagt geholfen.

Sonnenbrille:

Vor allem im Sommer habe ich mir die Sonnenbrille oft zu nutze gemacht. Getönte Gläser haben mir immer ein Gefühl der Sicherheit gegeben. Hat ja auch etwas von „verstecken“. Jedenfalls bin ich mit Sonnenbrille nie rot geworden. Kann man natürlich nur schwer in Gebäuden machen. Aber draußen, im Sommer im Biergarten, Eiscafe oder beim Grillen hat es mir immer geholfen.


Hopfen und Baldrian:

Habe eine zeitlang Hopfen und Baldrian eingenommen (z.B. die Dagrees vom Dm). Vor allem im Zusammenhang mit meinen Schlafstörungen. Diese pflanzlichen Mittel wirken ja bekanntlich beruhigend und entspannend. Bei leichten Schlafstörungen hat es mir geholfen. Eine insgesamt etwas „ausgleichende“ Wirkung setzte so nach 2-3 Wochen ein. In Bezug auf das Erröten konnte ich jedoch keine große Besserung feststellen. Allenfalls, wenn ich eines der Mittel in sehr hoher Dosis zu mir genommen habe, merkte ich über den Tag einen beruhigenden bis leicht „dämpfenden“ Effekt, der dann auch meine Anfälligkeit zum Erröten ein klein wenig minimierte. Hier fand ich Hopfen noch etwas wirkungsvoller als Baldrian. Nachteil ist natürlich, dass man sich dann insgesamt einfach müde und schlapp fühlt und im schlimmsten Fall die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt wird. Für den Alltag sind diese „Überdosen“ insofern meiner Meinung nicht zu empfehlen. Ich habs z.B. vor Familienfeiern ab und zu so gemacht.


Bachblüten:

Auch habe ich eine Zeitlang Bachblüten genommen. Hier gilt das Gleiche wie für Hopfen und Baldrian. Wobei sie mir doch eher beim Ein- und Durchschlafen geholfen haben und auf das Erröten keinen großen Einfluss hatten.

Schlafentzug:

Habe ich eine Nacht mal so gut wie gar nicht geschlafen, bin ich am nächsten Tag fast gar nicht rot geworden. Durch die starke Müdigkeit waren meine Gedankengänge und meine Aufmerksamkeit so beeinträchtigt, das ich förmlich gemerkt habe, wie meine Reizschwelle für das Erröten anstieg. Ist im Alltag natürlich auch nicht sinnvoll. Denn die Konzentrationsfähigkeit ist ja ebenfalls gestört.

Platzwahl:

Die mitunter schlimmste Situation war und ist für mich immer noch, mich einem Gesprächspartner Auge in Auge gegenüber zusetzen. Dabei werde ich fast jedes mal rot. Das hat wohl einfach etwas mit dem Gefühl des „Ausgeliefertseins“ zu tun und dem Gedanken, das keine Möglichkeit besteht, seinem Gegenüber im Blick auszuweichen und er ein errötetes Gesicht in jedem Falle bemerkt. Setze ich mich aber neben eine Person, ist diese Angst komischerweise so gut wie weg. Jedenfalls bei mir. Ich kann den anderen dann im Gespräch auch problemlos die ganze Zeit ansehen und zwar ohne das ich rot werde, denn ich kann ja wenn nötig im Blick ausweichen. Dieses Bewusstsein reicht schon. Ich weiß, dass ist verrückt. Aber es hat mir jedes Mal sehr geholfen. Inzwischen bin ich jedoch an dem Punkt angekommen, wo ich versuche, mich bewusst zu den Auge in Auge Gesprächen zu zwingen. Auch wenn ich rot werde. Anders wird man die Angst aber wohl nicht wegbekommen.

Alkohol:

Für mich eines der gefährlichsten Mittel überhaupt, von dem grundsätzlich abzuraten ist. Auch wenn ich da direkt vor meiner eigenen Tür kehren kann, denn ich habe es zur Beruhigung auch schon sehr oft eingesetzt. Hab ich eine Flasche Bier getrunken, fühle ich mich entspannter und empfinde nicht mehr die große Angst, die ich im nüchternen Zustand verspüren würde. Das kennt wohl jeder von uns. Zum Glück vertrage ich sowieso nicht soviel, so dass z.B. 0.5 Liter Bier bei mir schon völlig ausreichen. Da ich aber wenn überhaupt nur Abends etwas trinke (tagsüber ist bei mir absolutes Tabu; das hat es noch nie gegeben und wird es auch nicht geben; mal abgesehen von Karneval vielleicht ;-) !) und ich die Dosis auch nicht ständig steigern muss (denn ich trinke ja meist eh nur am Wochenende oder in der Woche mal auf einer Party etwas), akzeptiere ich es bei mir und sehe da nicht das riesige Problem drin. Trotzdem merke ich – und dies ist natürlich die Gefahrenquelle – dass sich meine Trink-Motivation geändert hat. Hab ich in meiner „Ery- Freien Zeit“ getrunken, weil ich Lust aufs Trinken hatte und es mir Spaß machte, versuche ich nun das erste Bier so schnell wie möglich in mich hinunter zu kippen, damit die Angst vor dem Errötens sinkt. Zur Volksdroge Nummer 1 brauche ich ansonsten wohl nicht mehr viel zu schreiben.

Magnesium:

Davon habe ich hier immer wieder gelesen, muss aber gestehen, dass ich es noch nicht ausprobiert habe. Werde mich aber die nächste Zeit davon auch mal selber überzeugen, denn wie ich sehe, scheint es bei manchen ja eine phänomenale Wirkung zu haben.

Medikamente:

Nach dem ich mit meiner Therapeutin über das Thema Medikamente gesprochen hatte, bin ich zunächst zum Hausarzt gegangen. Ich war mir zwar erst nicht sicher, ob ein Allgemeinmediziner unbedingt was mit sozialen Phobien anfangen konnte, aber meine Ängste waren unberechtigt. Er sagte jedoch, dass es hier solch ein Spektrum an Medikamenten gäbe, dass er es besser fände, wenn er mich zu einem Spezialisten, sprich Psychiater oder Neurologen überweise würde, denn dort würde man sich eher mit den passenden Mitteln auskennen. Konnte ich nachvollziehen. Er gab mir noch eine Liste von Ärzten aus meiner Umgebung und wenige Tage später saß ich in der Sprechstunde einer Psychiaterin. Auch ihr schilderte ich mein gesamtes Problem. Meine Errötungsangst, die Schlafstörungen und meine nervliche Belastung im Studium. Diesmal völlig locker, ohne Annspannung oder Aufregung. Übung macht den Meister, nicht wahr? Sie war sehr freundlich und konnte meine Ängste gut nachvollziehen. Sie meinte, dass sich das Errötungsproblem auf lange Sicht sicherlich nur mit der Therapie in den Griff bekommen lassen würde. Ein Medikament, dass einfach das Erröten für immer abstellen würde, gäbe es nicht. So etwas wäre aber auch nicht sinnvoll, denn ich solle (durch die Therapie) ja schließlich lernen, damit umzugehen. Trotzdem gäbe es gute Mittel, mit denen man meinen gesamten (angespannten) Zustand zunächst mal verbessern könnte. Dadurch würde sich dann eventuell auch das Problem mit dem Erröten etwas bessern. Sie hat mir dann quasi zum „austesten“ ein unverkäufliches Muster von einem Präparat mitgegeben, dass ich die nächsten Wochen einnehmen sollte. Das Medikament heißt Mianserin-neuraxpharm. Dabei handelt es sich um ein Tetracyclisches Antidepressivum, das vor allem beruhigend und schlaffördernd wirkt, aber auch einen angstlösenden Effekt mit sich bringen soll. Ich habe mit einer Dosis von 10mg täglich begonnen und diese dann über einen Zeitraum von 3 Wochen auf 30mg gesteigert. Die max. Höchstdosis liegt in Ausnahmefällen bei 90mg/pro Tag. Insofern liege ich mit meiner Dosis noch im unteren bzw. üblichen Bereich. Ich nehme das Mittel jetzt seid ca. 5 Wochen immer Abends vor dem Schlafengehen. Wie wirkt es? Schon mit der Einnahme von nur 10mg merkte ich eine einschneidende Veränderung. Nach der Einnahme der Tablette dauerte es ca. 30 bis 45 Minuten und ich wurde entspannter und müde. So konnte ich auf einmal jede Nacht problemlos einschlafen und vor allem komplett durchschlafen. Etwas, was ich schon seid Monaten nicht mehr erlebt hatte. Tagsüber fühlte ich mich die ersten Tage zwar ein klein wenig bematscht, dafür waren aber meine Anspannungen und Ängste wie weggeblasen. Mir kamen in den alltäglichen Stresssituationen (z.B. Mensa) zwar nach wie vor die Gedanken ans rot werden, aber ich wurde einfach nicht rot. Dieses beklemmende Angstgefühl war weg. Ich war entspannt und konnte mich wieder auf ein Gespräch konzentrieren. Das waren die ersten Tage. Nun sind wie gesagt fast 5 Wochen um. Meiner Meinung nach hat die „angstlösende Wirkung“ etwas nachgelassen. Ich bin auch schon wieder rot geworden. Aber das war bei weitem nicht mehr so schlimm, wie noch vor 2 Monaten vielleicht. Ich denke, der Rückgang der Errötungssituationen hat sich inzwischen ungefähr auf ein „Mittelmaß“ von minus 50 % auf gegenüber vorher eingependelt. Insgesamt hat sich mein Zustand also auf jeden Fall um Längen gebessert. Ich fühle mich einfach wieder etwas ausgeglichener und ruhiger. Vor allem hat sich meine Konzentrationsfähigkeit enorm verbessert. Wurden meine Gedanken im letzten Jahr nur noch vom Erröten beherrscht, schweife ich nun fast gar nicht mehr ab und grübele nicht mehr über alles nach. Das wirkt sich vor allem auf das Lernen sehr förderlich aus. Meine Merkfähigkeit ist die letzten 3 Wochen wieder stark gestiegen. Da das Medikament aber vordergründig meine allgemeine Unruhe lindern und mir beim Durchschlafen helfen soll (deshalb nehme ich es ja auch nur vorm ins Bett gehen), hat sie mir für den Tag noch eine Lösung mit dem Namen Promethazin-neuraxpharm verschrieben. Promethazin wird primär gegen allergische Erkrankungen eingesetzt, aber auch gegen psychische Erkrankungen mit Unruhe- und Erregungszuständen und hat ebenfalls angstlösende Wirkung. Hiervon habe ich aber nur mal kurzeitig gebrauch gemacht, denn es hatte bei mir eine ziemlich dämpfende Wirkung und ich war tagsüber außergewöhnlich müde. Das war natürlich nicht so sinnvoll. Hängt aber sicherlich auch von der Höhe der Dosis ab, die man nimmt. Momentan belasse ich es also bei der Einnahme von Mianserin-neuraxpharm am Abend.
Wie sind die Nebenwirkungen?
Die ersten Tage war ich wie gesagt über den Tag etwas müde. Aber das ist inzwischen vollständig verschwunden. Zudem stelle ich eine ganz leichte Mundtrockenheit fest. Aber das ist auch nicht der Rede wert. Das einzig vielleicht unangenehme sind leichte, unkontrollierbare Muskelzuckungen, die ab und zu bei mir auftreten. Wenn ich das aber mit meinem vorherigen Zustand vergleiche und sehe, wie es mir jetzt geht, sind diese Nebenwirkungen wirklich hinnehmbar. Im alltäglichern Leben beeinträchtigen sie mich jedenfalls so gut wie gar nicht. Ach ja, auf größere Mengen Alkohol sollte man bei der Einnahme von Psychopharmaka wohl auf jeden Fall verzichten. Hier hatte ich nämlich schon – anscheinend aufgrund der Wechselwirkung – ein unangenehmes Erlebnis (Schlafstörungen, starke Kopfschmerzen, Schweißausbrüche). Hat hier jemand schon mal ähnliche Erfahrungen gemacht?
Bei einem zweiten Termin habe ich meine Psychiaterin auch mal nach Paroxetin gefragt, weil ich davon hier im Forum immer eine Menge gelesen habe. Sie kannte das Medikament, meinte aber, dass mich das unter Umständen noch nervöser machen würde und gerade bei meinen Schlafstörungen nicht so geeignet wäre. Zudem würde Mianserin ja eine gute Wirkung zeigen, so dass wir erst mal dabei bleiben sollten. Leuchtete mir ein. Insofern hat sie mir dann dafür ein neues Rezept ausgestellt und ich nehme weiterhin jeden Abend eine Tablette ein.

So, dass war es im Ganzen.
Vielleicht konnte ich mit meinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen ja dem einen oder anderen helfen. Vor allem hoffe ich, das ich mit meinem ellenlangen Bericht (an dem ich tatsächlich nun mehrere Tage saß), keinem auf den Wecker gegangen bin. Auf jeden Fall hat es mir selber sehr geholfen. All das noch mal nieder zu schreiben, hatte in gewisser Weise sicher auch einen „Selbsttherapeutischen Effekt“.

Ansonsten wünsche ich allen hier viel Erfolg beim Umgang mit ihrer Krankheit!
Und immer daran denken, keiner von uns ist mit seinem Problem alleine!

Viele Grüße,

BurningLove

PS Dank noch an den Webmaster für diese spitzen Seite!! Würde es sie nicht gegeben, wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin: Auf dem Weg in ein hoffentlich (wieder) schöneres Leben.