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bericht "aus-die-maus"
arzt: dr. tarfusser

 

 

geschrieben von "Aus die Maus" am 25. Mai 2004

ETS-Bericht

Ich sitze im Zug und fahre zurück nach Hause. Mein Gesicht ist heiß und ROT,- ich leuchte wie eine reife Tomate,- aber nur weil ich mir in Meran einen Sonnenbrand geholt habe! Es stört mich nicht...
Seit der ETS vor zwei Tagen haben mir unzählige Situationen gezeigt, dass sie funktioniert hat, die ETS, und schon in so kurzer Zeit fühle ich mich viel sicherer und wohler in meiner Haut, so wohl, dass mich mein rotes Sonnenbrand-Gesicht überhaupt nicht stört!
Ich habe mich sehr schnell für die ETS entschieden, mit Sicherheit auch, weil mein Leidensdruck durch die Erythrophobie enorm hoch war. Ich leide schon seit 15 Jahren unter der ständigen Angst und lebte sehr zurückgezogen. Diese Krankheit hat mein gesamtes voriges Leben negativ geprägt, die Schulzeit( Abitur abgebrochen, später unter Qualen nachgeholt), meine berufliche Zukunft( mehrfach abgebrochen), mein Studium ( abgebrochen), meine Familienbeziehungen ( stark eingeschränkt), Freundschaftsbeziehungen ( bis auf eine beste Freundin heute keine mehr) und nicht zuletzt meine Liebesbeziehungen ( die stark darunter litten, dass ich keinerlei Aktivitäten mit machen konnte, auch keine Freunde besuchen, shoppen, ins Cafe gehen o.h., meine Unzufriedenheit darüber tat ein übriges...).
Nachdem ich Dr. Tarfusser angerufen hatte bekam ich schon nach 3 Wochen eine Termin für die OP. Dr. Tarfusser ist ein sehr, sehr netter und verständnisvoller Mann der aber auch genügenden Abstand bewahrt hat und überhaupt nicht mitleidig klingt. Er ist locker, witzig und hört sehr aufmerksam zu, er erklärt sehr geduldig und leicht verständlich.
Der Anästhesist Dr. Friedrich ist auch sehr nett, allerdings etwas gewöhnungsbedürftig , redet schnell, kurz und zackig und ist immer in Eile.
„Meine“ Krankenschwester hat sich super lieb um mich gekümmert, überhaupt sind mir in Meran nur nette Menschen begegnet.
Die OP selber verlief total komplikationslos, Dr. Tarfusser strahlte und war sehr zufrieden. Direkt nach dem aufwachen hatte ich Probleme beim luftholen und Schmerzen in der Lunge, die Schnitte unter den Achseln merkte ich, aber die waren nicht schlimm. Dr. Friedrich kam und gab mir eine Tablette gegen die Schmerzen, er meinte ich könne davon ruhig so viele nehmen bis ich mich wohl fühlen würde. Ich nahm also noch eine Tablette und die Schmerzen waren weg, allerdings bekam ich schlimme Kreislauf-Probleme und musste mich übergeben. Später sagte mir Dr. Tarfusser dann, dass die Tablette ein Morphin enthalten würden und manche Menschen darauf empfindlich reagieren könnten. Bingo! Na, ja, die Wirkung der Tabletten war sehr unangenehm und ich würde jedem davon abraten sie zu nehmen. Ich durfte die ganze Zeit nichts essen oder trinken, da mir sofort wieder übel werden würde.
Eigentlich ging es mir sehr gut nach der OP, klar ist man erst mal ein wenig angeditscht von der Narkose,- aber wenn ich die Tabletten nicht genommen hätte, wäre es mir sehr gut gegangen. Mein Kreislauf war stabil, da hatte ich mir ein wenig Sorgen gemacht, da ich so schon einen sehr niedrigen Blutdruck hatte, und ich konnte mich auch gut bewegen.
Das Licht im Krankenhaus-Badezimmer war kaputt ich konnte also nicht einmal meine Hautfarbe betrachten. Bei mir ist es so, das ich das Gefühl noch habe rot zu werden, es bleibt mir auch nicht „unten Stecken“, sondern ich habe wirklich das Gefühl rot zu werden, wenn ich dann aber mein Gesicht anfasse ist es angenehm kühl! Ich habe natürlich immer gleich meinen Mann gefragt, wenn ich das Gefühl hatte das es wieder los geht,- aber nichts! Echt verblüffend. Wir haben uns noch zwei Tage lang Meran angesehen, eine wirklich wunderschönes kleines Städtchen! Und ich habe alles einfach mal ausprobiert, was ich sonst nicht konnte, frühstücken mit allen anderen Hotelgästen gemeinsam, fremde Leute etwas fragen, Essen bestellen, Bus fahren, Straßenfeste und Märkte, einmal bin ich sogar ganz allein spazieren gegangen und bin an einem Reitstall vorbei gekommen. Das Tor war zu. Ich habe mich überwunden und bin einfach reingegangen,-und hab einen gutaussehenden Mann angesprochen, dass ich aus Deutschland käme und ob er Zeit und Lust hätte mir mal den Reitstall und die Pferde zu zeigen. Er zeigte mir daraufhin den ganzen Stall und wir unterhielten uns lange und sehr nett.

Mittlerweile ist die OP vier Tage her und ich habe keinerlei Beschwerden. Am Tag nach der OP konnte ich schon in Meran umherlaufen und mir alles ansehen, hab aber darauf geachtet meine Arme ein wenig anzuwinkeln, damit es nicht reibt. Vom kompensatorischem Schwitzen hab ich noch nicht viel bemerkt, außer das ich jetzt weiß wie es ist, an den Füßen zu schwitzen, hört sich komisch an , hatte ich aber bisher nie...! Ansonsten ist es eher so das ich leichter friere, meine Füße ständig kalt sind und meine Hände ein klein wenig trockener als vorher. Ich hab sie jetzt zweimal eingecremt seit der OP. Die Wunden unter den Armen jucken heute ein wenig, sind aber wirklich kaum noch zu spüren. Übrigens halte ich mich für einen eher empfindlichen Menschen...
Ich hoffe ich habe alles wichtige aufgeschrieben, falls ihr noch etwas wissen möchtet, könnt ihr gerne fragen. Ich denke diese Berichte sind sehr wichtig, auch ich habe vor der OP alle Berichte durchgelesen und hab versucht mir ein Bild zu machen.
Für mich bedeutet die OP, die Chance zu bekommen, vieles noch mal neu zu erlernen, mich ohne Angst in alle Situationen zu begeben die das Leben eben ausmachen, - ohne Euphorie aber mit einer sensationellen Ruhe so leben zu dürfen, wie alle anderen Menschen ohne Erythrophobie eben auch. Mit kleinen und großen Sorgen und Nöten, mit Angst ,Freude, Hoffnung, Schmerz,- egal was,- aber bitte nie wieder so in mir selber eingeschlossen. Ich mache übrigens seit 2 ½ Jahren eine Psychoanalyse, und werde sie auch noch weiter machen, sie hat mir in vielerlei Hinsicht geholfen,- gegen die Ery aber nicht, die hatte sich in den letzten 15 Jahren manifestiert und verselbständigt .

Euch allen alles Gute!

*aus-die-Maus!*