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bericht andi
"weg + tipps"

 

 

geschrieben von Andi am 04.Oktober 2003

So, erstmal ein "hi" an alle.
ich kann genau verstehen wie sich manche von euch fühlen, oder diejenigen die das ganze überstanden haben, gefühlt haben.
ich bin nun an dem punkt angelangt, an dem ich die wirklich
schwere zeit hinter mir habe und endlich frei und offen
über die damalige zeit reden kann.

wer nun weiterlesen will bekommt von mir einen bericht
über die angst die ich damals hatte, wie es angefangen hat,
etc. etc. - warum ich diesen text schreibe?
weil ich denke ich kann anderen damit helfen und
vielleicht ein bisschen hoffnung geben, nicht aufzugeben
und zu kämpfen!

angefangen hat alles bei mir in der, ich glaube es war die
8. klasse. ein lehrer meinte er muss immer witze
über einzelne schüler machen und wurde einer daraufhin
rot, kam gleich an spruch à la: "da brauchst doch nicht
rot werden". man merkte förmlich wie man rot wie eine tomate
wurde, alle leute einen anstarrten und man nur noch im boden
versinken wollte.
das ging dann soweit, dass ich mich bei diesem lehrer nicht
mehr getraut habe, nur einen pieps von mir zu geben.
alleine vor der klasse stehen ( z.b. bei referaten ) endete
dann natürlich in nem roten kopf, unsicherheit und wut.
wut über die situation, über sich selbst und über diese
ohnmächtigkeit mit der man das ertragen musste.
das ging dann ein paar monate so, worauf ich endlich einen
internetanschluss bekam. ich suche im netz und stieß auf diese seite.
damals noch in nem komplett anderen look, weniger infos etc.
jedoch gab es schon ein forum, und erfahrungsberichte.
ich las mit erstaunen in welchen situationen man überall erröten
konnte, was mir aber mehr zum negativen verhalf, als dass es mich
beruhigt hätte.
ich wurde jetzt nicht nur in der schule rot, nein, auch, wie ich gelesen habe, an supermarktkassen, beim zusammensitzen mit verwandten,
wenn ich leute auf der straße treffe, mich jemand nach der uhrzeit fragt,
etc.....
ihr könnt euch sicher vorstellen, dass das alles nicht leicht war.
ich wurde scheu, mein selbstbewußtsein verlies mich fast komplett...
das ging dann die jahre so... ich lernte damit zu leben, es einfach zu akzeptieren.
aber, so um meinen 18. geburtstag kam dann die wende - eine 180° drehung meines charakters,
meiner ansichten und meines verhaltens.
ich weiss nicht wie es dazu gekommen ist, aber über die jahre hinweg lernte ich
die situationen wegzustecken - nicht aufzugeben und sich ihnen immer und immer
wieder zu stellen! ich glaube das war es! nicht aufzugeben! wenn ich z.B. an der
supermarktkasse errötete, ging ich noch einmal hin und nocheinmal, bis ich
es ohne probleme machen konnte.
seinen teil hat der alkohol wohl auch beigetragen - jetzt aber nicht in diesem
sinne wie ihr denkt ;-) nein ich bin kein alkoholiker oder ähnliches.
ab meinem 16. geburtstag bin ich mit freunden ab und zu in kneipen, wir haben
überhaupt angefangen alkohol zu trinken - und das hat eben dazu beigetragen
sich den situationen leichter stellen zu können. am ende ging das dann
auch ohne alkohol...
zurück zu meinem geburtstag. ich war an einem punkt angelangt, an dem ich mir
gesagt habe, dass es wirklich egal ist zu erröten - man muss sich nicht dafür
schämen. wenn ich erröte, aus scham, wut oder sonstwas, ist es mir nun egal.
früher hatte ich angst davor - wieso? mein lehrer war wie gesagt der auslöser!
früher habe ich abends gebetet, den nächsten tag nicht zu erröten - jetzt
denke ich mir: "erröte so oft du willst, es ist mir egal" - ich habe gemerkt,
dass das ein konflikt mit sich selbst ist... zum einen bin ich ein gutaussehender,
optimistischer, selbstbewußter mensch, zum anderen, schüchtern, zurückhaltend, etc..
diese 2 seiten lassen sich praktisch mit erröten und nicht erröten, bzw. mit der
angst davor und mit der gleichgültigkeit davor vereinbaren.
seitdem ich diese einstellung habe und zu 100 prozent davon überzeugt bin,
dass es egal ist zu erröten, bin ich selbstbewußt und stärker wie noch nie zuvor
und wie ich es mir immer gewünscht habe!
ich kann euch gar nicht sagen wie schön es ist wenn man an die harte zeit
zurück denkt und sich nun an diesem punkt sieht, der einem früher so fern
war!
anvertraut habe ich mich niemandem - außer gott - ja, zu der zeit glaubte ich
noch an ein wesen, das über uns steht - zu dem ich gebetet hab, dass das alles
endlich aufhört! meinen glauben an gott, habe ich in dieser zeit
für immer verloren - es gibt niemanden auf der welt der dir mit problemen die
du mit deinem geist hast, helfen kann. du musst dir selbst helfen, dich selbst
finden, kennenlernen und akzeptieren - psychiater, freunde, was auch immer,
können dich nur unterstützen, die hauptarbeit liegt bei dir!
es gibt soviele negative erfahrungen die ich in den letzten jahren gemacht habe,
ich kann sie gar nicht alle aufzählen. wäre ich nicht so stark gewesen,
würde ich glaube ich nicht mehr leben - es war unbeschreiblich.

jetzt sitze ich hier, vor kurzer zeit 19 jahre geworden - habe in den letzten
monaten und wochen soviele bekanntschaften gemacht wie nie zuvor.
ich bin befreit, endlich!
ok, es passiert mir noch ab und zu dass ich erröte, aber ich sehe es als
selbstverständlich an, ärgere mich nicht darüber und stelle mich der
auslösenden situation immer wieder. wobei es nun keine richtigen auslöser
mehr gibt - ich meine zum beispiel witze die teilweise seeeehr unter
die gürtellinie gehen etc.
ich könnte mir auch vorstellen, dass das ganze mit der pubertät zusammen
hing - der auslösende nerv ( sympathicus ) evtl. weiter ausgebildet war,
oder sonstiges... und sich jetzt wieder alles größtenteils ins gleichgewicht
gebracht hat.
jedoch war der größte teil der arbeit, sich selbst zu finden, und mit
sich und diesem "problem" fertig zu werden. es zu akzeptieren.
wieso sage ich problem? es ist so gesehen nur ein problem wenn man selbst
eines daraus macht!

was ich noch für tipps geben könnte... hm... ich denke einen tipp der
jedem helfen wird gibt es nicht. aber zumindest werde ich ein paar
sachen aufschreiben die mir sehr geholfen haben:
- nie aufgeben, sich immer wieder der situation stellen die einem
unangenehm ist.
( sind dir z.b. referate peinlich? melde dich freiwillig für
extrareferate... )
- geh raus! unternimm was mit leuten. dort wirst du sicherlich mit
situationen die dir unangenehm sind konfrontiert - wenn du stark
bleibst, bringt es dir viel!
- versuche dich selbst so zu akzeptieren wie du bist - werde dir über
deine schwächen und stärken klar ( schüchtern? na und! dafür bist du
vielleicht intelligent, kannst gut zuhören etc. )
- sprich mit jemandem darüber, ich kann es zwar erst jetzt, aber es hätte mir
glaube ich viel geholfen, das ganze jemandem anzuvertrauen
- hoffnung gibt es immer! wenn du wirklich keinen ausweg mehr weisst,
wende dich an ärzte die dir helfen können - und das werden sie auch!

alles in allem ist der wichtigste punkt an sich selbst zu glauben. und sich
der situation zu stellen!
ich weiss es ist nicht leicht ( das war es auch nicht ) , aber behaltet
im hinterkopf, dass genau dieses vorgehen, euch helfen wird, die angst
vor dem rotwerden zu besiegen und damit umgehen zu können wie
alle anderen!

ich hoffe ich konnte einigen von euch mit meinen erfahrungen
ein bisschen helfen oder auch nur das gefühl geben, dass
sie nicht alleine sind!


gebt euch nicht auf!


Andi